Kairo. Man täte Madagaskars Fußball unrecht, würde man behaupten, er wäre auf der internationalen Fußball-Landkarte noch nicht sonderlich in Erscheinung getreten. Das Gegenteil ist der Fall: Die Kicker des Inselstaates dürfen sich mit Fug und Recht Weltrekordler nennen - wenn auch in nicht unbedingt rühmlicher Hinsicht. Im Oktober 2002 ging das Ligaspiel zwischen AS Adema und dem Hauptstadtklub SOE Antananarivo in die Geschichte ein. Das Ergebnis lautete 149:0; aus Protest gegen den Schiedsrichter hatten die Fußballer Antananarivos den Ball bei jedem Kontakt ins eigene Tor geschossen.

Es war ein Spiel, das nicht nur weltweit Schlagzeilen schrieb, sondern auch die Lage der nationalen Liga, die sich etwas großspurig Champions League nennt, widerspiegelte - und durchaus zur turbulenten Geschichte des Landes passte. Auch nach der französischen Kolonialherrschaft und der Unabhängigkeit 1960 prägten Aufstände, Unruhen, Militärdiktatur und bürgerkriegsähnliche Zustände die Insel im indischen Ozean, ehe die Schritte zur Demokratisierung langsam zu greifen begannen. Armut und soziale Missstände herrschen freilich noch immer unter dem Großteil der rund 26 Millionen Einwohner vor. Doch nun sorgt ausgerechnet der Fußball für positive Schlagzeilen.

In der Hauptstadt Antananarivo feierten die Fans ausgelassen. 
 - © APAWeb / afp
In der Hauptstadt Antananarivo feierten die Fans ausgelassen.

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Bei seiner ersten Teilnahme am Afrika Cup erreichte die Mannschaft sensationell als Gruppensieger sowie zuletzt mit einem Sieg im Elfmeterschießen über die Demokratische Republik Kongo das Viertelfinale, in dem es am Donnerstag in Kairo gegen Tunesien geht (21 Uhr).

Wie klar die Kräfteverhältnisse sind, zeigt schon ein Blick auf die Marktwerttabelle der Teams, in der Madagaskar von allen im Turnier verbliebenen Mannschaften an letzter Stelle rangiert. Auf insgesamt 14 Millionen Euro wird der Wert des Kaders taxiert, jener der Tunesier - die gegen Ghana ebenfalls im Elfmeterschießen weitergekommen waren - auf 71,25 Millionen. Doch dass Geld und klingende Namen alleine keine Tore schießen, bewies Madagaskar schon in der Gruppenphase, in der man den dreifachen Afrika-Cup-Sieger Nigeria, Marktwert 192,10 Millionen, mit 2:0 düpierte.

Beim Afrika Cup schrieben die madagassischen Fußballer bisher positive Schlagzeilen - © afp, Javier Soriano
Beim Afrika Cup schrieben die madagassischen Fußballer bisher positive Schlagzeilen - © afp, Javier Soriano

Und letztlich sei es auch kein Nachteil, befinden Spieler und Trainer Madagaskars, dass es kein Starensemble sei, das hier beim Afrika Cup antrete. "Ich habe ein Team von guten Burschen und keinen Star, das ist ein Vorteil", befindet der französische Teamchef Nicolas Dupuis. Auch Kapitän Faneva Andriatsima sagt: "Wir haben keine Mittel, keine Prämien, nichts." Damit hat die "Barea", wie die Mannschaft in Anlehnung an die Dialektbezeichnung für die heimischen Buckelrinder genannt wird, allerdings auch keine Allüren, die so manch hochgehandelte afrikanische Mannschaft in der Vergangenheit schon stolpern ließen.

Frankreich eine beliebte Destination

Dabei ist es nicht so, dass Madagaskars Kicker über keine Qualität oder mangelnde Erfahrung verfügen würden. Nur zwei von ihnen spielen in der heimischen Liga, die meisten im Ausland. Vor allem Frankreich ist eine beliebte Destination, eine ganze Elf ist bei Vereinen im Weltmeisterland – wenn auch der überwiegende Teil nicht in der Ligue 1 – beschäftigt.

Die prominentesten Fußballer Madagaskars sind neben dem Kapitän der beim belgischen Klub Charleroi engagierte Marco Ilaimaharitra sowie Stade Reims’ Thomas Fontaine und Lyons Jérémy Morel.

Hält der Höhenflug an, würden mit Sicherheit auch andere Namen Bekanntheit erlangen. Der Fußballgeschichte des Landes wurde jedenfalls schon jetzt ein rühmlicheres Kapitel hinzugefügt als jenes 149:0. Denn, wie immer es weitergeht, eines ist für Dupuis schon jetzt klar: "Unseren Afrika Cup haben wir schon gewonnen."