Kairo. Am 13. Februar 2002 schoss Aliou Cissé den wichtigsten Elfmeter seiner Karriere. Im Finale des Afrika-Cups trat er, damals Kapitän des senegalesischen Nationalteams, als fünfter Schütze an. Wenn er getroffen hätte, wäre das Elfmeterschießen in die Verlängerung gegangen. Er zögerte keine Sekunde vor dem Anlauf - und vergab kläglich. Cissé schoss den Tormann in der Mitte des Tores an. Senegal verlor, der Kapitän brach in Tränen aus. Es war das bisher einzige Finale der Kontinentalmeisterschaft, an dem das Land teilnahm. Heute steht Cissé wieder im Finale. Er ist seit 2015 Trainer der Senegalesen. Sie treffen im Spiel um die Krone Afrikas auf Algerien. Ihre Stars heißen heute nicht mehr Cissé, El Hadji Diouf und Henri Camera, sondern Sadio Mané, Kalidou Koulibaly und Cheikhou Kouyaté. "Diese Generation ist besser als die unsere", sagt er im Vorfeld des Enspiels. "Meine Spieler haben mir das angekündigt, jetzt ist es soweit."

Es ist ein großes Lob, dass der Trainer seiner Mannschaft ausspricht. Immerhin stieß die Mannschaft um Cissé nur wenige Monate nach der Finalniederlage bis ins Viertelfinale der Weltmeisterschaft vor. Um ein Haar hätte sie sich sogar als erste Afrikas für das Semifinale qualifiziert, doch in der Verlängerung ging dem Team gegen die Türkei die Kraft aus. "Ich habe grenzenloses Vertrauen in meine Spieler", sagt Cissé. "Sie wissen, was sie tun müssen, um zu gewinnen." Tatsächlich zeigte sich Senegal bisher abgebrüht. Alle drei KO-Spiele gewann die Mannschaft mit 1:0, im Halbfinale gegen Tunesien brauchte es gar die Verlängerung und ein kurioses Eigentor, um doch noch zu gewinnen. Es ist nicht die Offensive um Mané, die für den Erfolg verantwortlich ist. Stattdessen verleiht die Hintermannschaft den "Löwen der Teranga" ihre Stabilität, die sie erfolgreich macht. Im defensiven Mittelfeld agiert Idrisse Gueye als Staubsauger und Ballverteiler. Dahinter, in der Innenverteidigung, sichern Kapitän Kouyaté und Koulibaly, der in der Vorsaison zum besten Abwehrspieler der Serie A gewählt wurde, ab. Im Finale wird Koulibaly wegen einer Gelbsperre aber fehlen.

Algerisches Knowhow

Doch Algerien weiß ohnehin, wie man dem Senegal Tore schießt - sie hat es in der Gruppenphase bereits vorgemacht. Mit 1:0 gewann das Team von Trainer Djamel Belmadi Nordafrikaner da, kein anderes Team hat im Turnierverlauf gegen Senegal getroffen. Nach perfekter Vorarbeit traf Youcef Belaili von der Strafraumgrenze. Die Mannschaft wirkte bisher bei jeder Partie besser eingespielt als der Gegner. Dabei ist es nicht nur das Kollektiv. Der große Star Algeriens, Riyad Mahrez, brauchte etwas bis er ins Turnier fand. Zwei Treffer hatte der Rechtsaußen von Manchester City bis zum Semifinale gegen Nigeria erzielt, Belaili aber überstrahlte in bis dahin. Doch in der fünften Minute der Nachspielzeit schlug Mahrez‘ Stunde. Aus 20 Metern zirkelte er einen Freistoß in den Winkel, es war das 2:1 Siegtor.

Während die Kräfteverhältnisse auf dem Feld ausgeglichen scheinen, sind sie auf den Rängen klar verteilt. 10.000 Fans unterstützten die Algerier im Halbfinale, für das Endspiel charterte die Regierung 28 Flugzeuge, um noch mindestens 5000 weitere nach Kairo zu bringen. Aus dem Senegal, weiter weg und viel kleiner als Algerien, werden es nicht so viele sein. Knapp 2000 waren es im Halbfinale gegen Tunesien, viel mehr sind im Finale nicht zu erwarten. Wie voll das Finalstadion, das "Cairo Internaional Stadium" sein wird, hängt aber von den Ägyptern ab. 75.000 Leute fasst es, gut gefüllt war es nur bei den Spielen, die der Gastgeber dort spielte. Seit der im Achtelfinale ausgeschieden ist, ist die Stadionauslastung noch einmal zurückgegangen. Der Generalsekretär des CAF, des afrikanischen Fußballverbandes, Mouad Hajji kündigte an, alles zu tun, um das Finale zu einem Spektakel zu machen: "Wir wollen auch viele Kinder einladen, das Spiel zu sehen."

Das Elfer-Trauma

Den Finalisten kümmert das kaum. Während die Stadien nicht einmal halbvoll waren, feierten nach ihren Semifinalsiegen minutenlang mit ihren Fans. Die Mannschaft Senegals tanzte, während Kapitän Kouyaté auf den Zaun zwischen Feld und Rängen stieg und den Anhang auf das Endspiel einschwor. "Ich muss meine Spieler nicht motivieren", sagt sein Trainer. Sie wissen um was es geht." Favoriten aber gibt es im Finale keinen. Auch die Buchmacher sehen keine der beiden Mannschaften vorne, die Siegquoten sind bei beiden Mannschaften faktisch identisch. Nur eines sollte der Senegal verhindern: Elfmeter. Während Algerien im Viertelfinale die Elfenbeinküste im Elfern bezwang, vergab Cissés Mannschaft im Verlauf des Turniers schon drei Mal vom Punkt. Alleine Mané scheiterte zwei Mal. "Wir spielen nicht auf ein Elfmeterschießen", sagt Cisse. "Aber wenn es sein muss, werden wir bereit sein."