Istanbul. Es mag ein kleiner Schritt für Stéphanie Frappart sein, definitiv aber wird es ein großer für die Frauenriege im Schiedsrichterbereich sein: Wenn heute Abend (21 Uhr/Sky, Dazn) der FC Liverpool und Chelsea beim europäischen Supercup die Ouvertüre für die Europacupsaison geben, ertönt gleichermaßen auch der Anpfiff für eine neue Ära im Fußball. Denn in Frappart wird erstmals eine Schiedsrichterin ein bedeutendes Uefa-Spiel im Herrenbereich leiten. Während Frappart, die von ihrer Landsfrau Manuela Nicolosi und der Irin> Michelle O’Neill unterstützt wird, die Bedeutung des Ereignisses im Vorfeld herunterspielen will, sprechen die Trainer der beiden Mannschaften, Liverpools Jürgen Klopp und Chelseas Frank Lampard, unisono von einem "historischen Moment".

Es ist jedenfalls ein Moment, auf den die 35-jährige Französin zwar lange hingearbeitet hat, der dennoch die logische Konsequenz ihres Aufstiegs ist. Schon während ihrer Jugend, in der sie selbst kickte, begann sie nebenbei mit dem Studium der Schiedsrichterei, auf die sie sich bald voll konzentrierte. Schon mit 19 Jahren pfiff sie ihre ersten Partien im (unterklassigen) Männerfußball, seit Anfang der 2010er-Jahre wird sie von der Fifa und der Uefa für internationale Begegnungen im Frauen- und Jugendbereich eingesetzt. Im April dieses Jahres folgte die erste Spielleitung in der höchsten französischen Männerspielklasse, in der sie ab der am Wochenende beginnenden Saison zum Stammpersonal gehören wird. Im Sommer schließlich stand das WM-Finale der Frauen zwischen den USA und den Niederlanden auf dem Programm.

"Der Fußball ist derselbe"

Die öffentliche Anerkennung für das Turnier, das in vielerlei Belangen Superlative schrieb und Rekorde brach, hat schließlich auch den Europaverband in seinem Entschluss bestärkt. "Ich denke, wir haben in vielen Bereichen Fortschritte gemacht", sagt auch Lampard. "Wir waren sehr behäbig, und es ist noch ein weiter Weg zu gehen, aber das ist definitiv ein weiterer Schritt in die richtige Richtung."

Auch Klopp zeigt sich "glücklich, Teil dieses historischen Augenblicks" zu sein, wie er sagt. Nur Frappart selbst will nicht allzu viel über sich sprechen, schließlich werde sie nicht viel anderes tun als sonst auch, versicherte sie. "Für mich ist es dasselbe. Der Fußball ist derselbe, die Regeln sind dieselben."

Der vierte Offizielle, der türkische Schiedsrichter Cuneyt Cakir, ist ohnehin überzeugt, dass das Trio auf dem Feld auch die letzten Kritiker verstummen wird lassen. "Sie sind mutig, sie sind couragiert - und sie zögern nicht, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Man wird es sehen."

"Sonst ist meine Mutter sauer"

Zu spüren bekommen werden es in erster Linie die Spieler des FC Liverpool und des FC Chelsea. Zwar ist der Supercup zwischen dem Champions- und dem Europa-League-Sieger nicht die allerbegehrteste Trophäe im internationalen Fußball. Alleine dadurch, dass es ein rein englisches Duell ist und somit vielleicht psychologisch richtungsweisend für die noch junge Saison sein kann, sind aber Brisanz und große Emotionen programmiert.

Klopp, dem solche nicht gerade fremd sind, wird sein Bestes geben, sie nicht ausufern zu lassen. "Ich werde mein bestes Gesicht zeigen", sagt er. "Sonst wäre meine Mutter sauer."

Sie sollte sich allerdings nicht zu viele Sorgen machen: Stéphanie Frappart würde schon eine passende Antwort einfallen.