Berlin. (art) "Es geht sich immer nie aus" - Was die Fans der Vienna, Testspielgegner in der Vorbereitung im Sommer, schon vor langer, langer Zeit zu ihrem Motto erkoren und zur cineastischen Aufarbeitung des zelebrierten Scheiterns genützt hatten, hat bis vor sehr, sehr kurzer Zeit auch für den 1. FC Union Berlin gegolten. Einst vor dem Bankrott, dann lange eine Fahrstuhlmannschaft zwischen Dritt- und Zweitklassigkeit, hat man es nie ganz nach oben geschafft. Bis zu jenem 27. Mai dieses Jahres, bis zu jenem 0:0 gegen den VfB Stuttgart, mit dem man nach dem 2:2 im Auswärtsspiel der Relegation zur ersten deutschen Bundesliga den erstmaligen Aufstieg ins Oberhaus als 56. Klub der Geschichte fixierte und der Stadtteil Köpenick seine neuen Hauptmänner feierte. Einer davon ist Christopher Trimmel, Burgenländer, Ex-Rapidler und seit einem Jahr Kapitän der "Eisernen", wie die Berliner genannt werden.

Dass er nun nicht nur einer von aktuell 32 österreichischen Legionären in der höchsten deutschen Spielklasse ist, hätte sich der Rechtsverteidiger wohl selbst nicht gedacht, als er vor fünf Jahren ablösefrei von Rapid ins Ausland ging; dass er einen Verein in einem Kultstadion wie der Alten Försterei als Kapitän am Sonntag gegen RB Leipzig in sein allererstes Erstligaspiel der Geschichte führen würde, ebenso wenig. Und wahrscheinlich auch nicht, dass seine Mannschaft in diesem ersten Bundesliga-Spiel eine bittere 0:4-Niederlage kassieren würde, bei der Trimmels Landsmann Marcel Sabitzer ein Tor für RB Leipzig beisteuerte.

Dennoch: Trimmel, mittlerweile 32 Jahre alt, hat sich jedenfalls durchgesetzt; bei den Fans genießt er Kultstatus. Als die Bundesliga-Zugehörigkeit feststand, entwarf der angehende Tätowierer ein eigenes Aufstiegs-Tattoo, das er jenen fünf Fans, die bei einem Glücksspiel gewannen, selbst stechen wird. Die Zahl der Interessenten freilich ist um einiges größer, die Basis für die Karriere nach der Karriere, die ebenso unter die Haut geht, längst gelegt. Vorerst gilt die Hauptkonzentration Trimmels Union und dem vielleicht glanzvollen, sicher aber schwierigen Bundesliga-Alltag. Schon der Auftaktgegner hatte es in sich: Leipzig hat sich binnen kürzester Zeit zu einem der ambitioniertesten Jäger von Rekordmeister Bayern München entwickelt.

Und so wurde es für die Leipziger, die in der 2. Liga bei Union nie gewinnen konnten, bei teilweise heftigem Regen ein lockerer Liga-Aufgalopp. Die Berliner wirkten vor allem defensiv völlig überfordert. Wie angekündigt schwiegen die Union-Fans in der ersten 15 Bundesliga-Minuten ihres Klubs aus Protest gegen das "Konstrukt" RB Leipzig. "Wir müssen es respektieren", hatte Trimmel im Vorfeld gesagt. Der Ex-Rapidler spielte bei den Berlinern als Kapitän durch. Gerade einmal eine Minute, nachdem der Anhang auf den Tribünen das Schweigen gebrochen hatte, ging bei den Profis auf dem Platz erstmals die Konzentration verloren. Sabitzer leitete mit einem Pass das 1:0 ein. Am Ende stand es 4:0 für Leipzig.

Unterschiedliche Welten

Es sind trotz der Zugehörigkeit zur selben Klasse zwei Welten, die die Klubs trennen: auf der einen Seite der von Red Bull alimentierte Emporkömmling aus Sachsen, auf der anderen jener Verein, der seine Bodenständigkeit betont. Auch der Aufstieg verleitete Union nicht zu überhasteten Sprüngen auf dem Transfermarkt. Zwar kamen einige neue Spieler, die meisten aber ablösefrei wie der junge Steirer Florian Flecker von Hartberg oder der Innenverteidiger Neven Subotic von St. Étienne, der prominenteste Name auf der Liste der Neuzugänge. Insgesamt wird der Kader vom Branchendienst transfermarkt.de auf 35,58 Millionen Euro taxiert - jener des Auftaktgegners Leipzig, bei dem in Stefan Ilsanker, Konrad Laimer, Marcel Sabitzer und Hannes Wolf gleich vier Österreicher unter Vertrag stehen, demgegenüber auf 522,10 Millionen Euro.

Dennoch ist das bloße Dabeisein zu wenig für die Berliner, die nun als zweiter Hauptstadtklub Hertha BSC - der Stadtrivale trotzte am Freitagabend zum Liga-Auftakt dem FC Bayern ein 2:2 ab - Konkurrenz machen wollen. Er werde es "nicht zulassen", sagte Präsident Dirk Zingler in einem Sonderheft der "Berliner Fußballwoche", dass im Verein eine Haltung entwickelt werde "nach dem Motto: Jetzt sind wir mal oben, jetzt genießen wir das mal schön, und wenn wir absteigen, ist es gar nicht so schlimm, dann haben wir uns wirtschaftlich saniert".

Stattdessen wolle man sich mittelfristig in der ersten Liga etablieren. Ein echter Maßstab dafür war weder der Testspielsommer unter anderem mit dem Sieg gegen die Vienna, noch die erste Runde im Cup. Trotzdem hat der 6:0-Sieg gegen den Viertligisten Germania Halberstadt das Seine dazu beigetragen, dass die Stimmung im Osten Berlins zum Start in das neue Abenteuer bestens ist. "Wir haben eine sehr gute Einstellung gehabt", sagt Trimmel.

Für die Bundesliga braucht es freilich mehr, Präsident Zingler fordert, "dass wir alle nochmal einen Schritt gehen, auch im Kopf, dass wir besser werden, größer denken". Schließlich soll es sich diesmal auch längerfristig ausgehen.