München/Wien. Philippe Coutinho kam, sah - und hatte die Herzen der Fans, Medien- und Vereinsvertreter im Sturm erobert. Als der Brasilianer am Dienstag sein erstes Training im Dress des FC Bayern absolvierte, war natürlich keine Rede davon, dass die Münchner ursprünglich Leroy Sané hätten kaufen wollen, ehe sich der avisierte Transfer zog wie ein Strudelteig, dann aber das Kreuzband des Noch-Manchester-City-Spielers riss und dieser Umstand den Rekordmeister in dieser Wechselperiode, für die der scheidende Klub-Präsident Uli Hoeneß die größte Transferoffensive aller Zeiten angekündigt hatte, in Bedrängnis brachte.

Er wolle das Wort "Notlösung" nicht hören, hatte Trainer Niko Kovac schon vorsorglich angekündigt, und natürlich verwendet es in Coutinhos Fall auch niemand. Erstens wäre es sowieso respektlos, zweitens einem Spieler, dessen Marktwert auf 90 Millionen Euro taxiert wird und der "zum Freundschaftspreis" vom FC Barcelona kam, wie Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge betonte, nicht angemessen.


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Transfer-Reglement der Fifa
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Das Risiko für die betroffenen Vereine ist überschaubar: Coutinho kommt erst einmal für 8,5 Millionen Euro für eine Saison, danach liegen die Rechte an ihm wieder beim FC Barcelona - es sei denn, die Bayern ziehen die Kaufoption für 120 Millionen Euro (was angesichts der Vorschusslorbeeren und des Trikots mit der Nummer zehn, die Coutinho bekam, nicht verwundern würde).

"Leihgeschäft" lautet das Zauberwort, das im internationalen Fußball immer häufiger gebraucht wird, obgleich es manche Spielergewerkschafter liebend gern aus den Wörterbüchern streichen würden.

Gedehnte Finanzregeln

Denn zum einen sind es, so die Kritiker, oftmals minderjährige Spieler, die solcherart Gefahr laufen könnten, zu Anlageobjekten degradiert zu werden. Zum anderen bieten die Leihen ein ideales Schlupfloch durch den Paragraphendschungel des Financial-Fairplay-Programms der europäischen Fußball-Konföderation Uefa.

Ein Extrembeispiel vor zwei Jahren hatte die Regelhüter aufgeschreckt: Paris Saint-Germain hatte mit dem 222-Millionen-Euro-Kauf des Brasilianers Neymar vom FC Barcelona Schlagzeilen geschrieben. Doch weil unbedingt ein zweiter Superstar hermusste, man die Finanzregeln aber nicht komplett brechen wollte, ohne drastische Sanktionen befürchten zu müssen, reizte man sie eben bis zum Letzten aus - indem man Kylian Mbappé zunächst auslieh, gleichzeitig aber eine Kaufoption für 180 Millionen Euro vereinbarte.

49 Atalanta-Kicker verliehen

Nicht zuletzt unter diesem Eindruck gab der Weltverband im Vorjahr nach Rücksprache mit der internationalen Spielergewerkschaft Fifpro sowie der European Club Association eine Absichtserklärung ab, das Transfersystem einer grundlegenden Reform zu unterziehen, Leihgeschäfte zu minimieren und den Einfluss von Beratern einzuschränken. Passiert ist bisher aber recht wenig.

Zwar hat die Fifa heuer eine Adaptierung herausgegeben, explizit genannt wird dabei aber lediglich der Passus über Ausbildungsentschädigungen und Solidaritätszahlungen. Die einzigen nennenswerten Einschränkungen, die es bei Leihgeschäften gibt, finden sich im Fifa-Reglement nur in dürftigen Absätzen, in denen es heißt, dass ein Spieler "mindestens für die Dauer zwischen zwei Registrierungsperioden" verliehen werden und nur dann an einen dritten Verein transferiert werden darf, "wenn die schriftliche Erlaubnis des ausleihenden Vereins sowie des betroffenen Spielers" vorliegt.

Freilich haben die Leihgeschäfte auch für die Spieler Vorteile: Vor allem jungen Kickern soll dadurch die Chance gegeben werden, sich bei anderen Vereinen zu entwickeln. Klubs, die über große, professionell geführte Akademien, aber endenwollenden Platz in ihren Profimannschaften verfügen, sind daher die Verleih-Kaiser: etwa Atalanta Bergamo, das aktuell gleich 49 Spieler bei anderen Klubs untergebracht hat, oder in Österreich Red Bull Salzburg mit elf Kickern, die noch nicht den Sprung in die Champions-League-Mannschaft geschafft haben, auf deren Potenzial man dennoch mittelfristig nicht verzichten will. Man hat ja nichts zu verschenken - höchstens zu verleihen.