Wien. Mehr als 60 Prozent Ballbesitz, die deutlicheren Chancen, dazu den Gegner phasenweise wie beim Handball in den eigenen Sechzehner gedrückt: Und doch mussten die Österreicher am Ende auch irgendwie froh sein, einen Punkt aus Warschau mitgenommen zu haben. Denn die vor knapp 57.000 Zuschauern extrem defensiv agierenden Polen hätten in ihren gefährlichen Kontern durchaus auch zuschlagen können (so köpfelt Superstar Robert Lewandowski normalerweise allein am Fünfer nicht drüber) - und wären dann wie beim 0:1 im März in Wien als eher unverdienter Sieger dagestanden. Die Nullnummer am Montagabend gegen den Gruppenfavoriten brachte letztlich für die Elf von Franco Foda einen erkennbaren Schritt vorwärts, wiewohl die Punkteteilung in der EM-Qualifikationsgruppe G den Polen mehr nutzte als den Österreichern.

Denn tabellarisch rutschte die ÖFB-Auswahl trotz des Punktegewinns auf Rang drei und damit aus den Qualifikationsrängen für das paneuropäische Turnier 2020.

Slowenen Elf der Stunde

Dank eines 3:2-Heimerfolgs gegen Israel sind nun die Slowenen mit einem Punkt vor Österreich erste Verfolger der Polen und so etwas wie die Mannschaft der Stunde, zumal am Freitag auch die Elf von Jerzy Brzeczek zu Hause geschlagen worden war (2:0). Damit scheint für Österreichs Nationalelf alles auf ein echtes Finale um Rang zwei am 13. Oktober in Laibach hinauszulaufen.

Denn auch wenn in der Gruppe nun alles zusammengerückt ist, dürften sich die EM-Startplätze an den kommenden zwei Spieltagen (vor)entscheiden. Vor allem die Polen können dann schon alles für den Gruppensieg klarmachen, warten doch zwei lösbare Aufgaben: Mit Siegen bei den (zuletzt überforderten) Letten und danach zu Hause gegen Nordmazedonien darf für die Euro 2020 geplant werden. Dann würde es für die anderen Nationen nur noch um Rang zwei gehen - wobei das Heimspiel der Foda-Truppe gegen die derzeit schwächelnden Israelis am 10.Oktober im Prater ebenso Finalcharakter hat.

Schließlich muss damit gerechnet werden, dass Slowenien im Parallelspiel in Skopje siegreich bleibt. Wächst der Vorsprung der Slowenen aber vor dem Showdown in Laibach auf mehr als drei Punkte an, können es David Alaba und Co. nicht mehr aus eigener Kraft zur EM-Endrunde schaffen. Sprich: Gegen Israel muss ein Sieg her, gegen die Slowenen im Idealfall auch. Wenngleich hier ein Remis auch reichen könnte, zumal bei Punktegleichheit das direkte Duell zählt (Österreich hat das Hinspiel 1:0 gewonnen).

Allerdings: Auf Schützenhilfe sollte sich die Foda-Truppe keinesfalls verlassen: So müssen die Slowenen zwar noch zu den Polen, allerdings erst am letzten Spieltag (19.November) - und da könnte es für Lewandowski und Co. um nichts mehr gehen.

Im Wissen dieser alles andere als optimalen Ausgangssituation versprühte der Teamchef in Warschau aber Optimismus: "Wir wollten gewinnen, aber der Punkt ist okay - vor allem die Art und Weise, wie wir gespielt haben", so Foda. Nachsatz: "Die Leistung macht optimistisch." Kann man in einem Monat daran anschließen, wird die Qualifikation ein gutes Ende nehmen: "Jetzt kommen zwei Finalspiele auf uns zu, darauf freuen wir uns." Auch Kapitän Julian Baumgartlinger strich das dominante, Ballbesitz-orientierte Spiel auf fremden Terrain hervor - und, dass im Gegensatz zu früheren Zeiten trotz einer Fülle versiebter Chancen keine unglückliche Pleite stand. "Wir sind schon ein bisschen reifer geworden."

Breiter Kader

Auf der Habenseite steht auch ein immer breiterer Kader an Spitzenspielern, die auch aus dem Fundus der schlagkräftigen U21-Generation stammt. So musste kurzfristig Stefan Posch (22) für den blessierten Abwehrhünen Martin Hinteregger einspringen - der Hoffenheim-Legionär meisterte die Nervenprüfung mit Bravour. "Er hat gespielt wie ein alter Hase", lobte Teamchef Foda. Auch Salzburg-Torhüter Cican Stankovic blieb bei seinem erst zweiten Länderspieleinsatz ohne Fehl und Tadel - und war zur Stelle, wenn man ihn brauchte.

Einzig im Sturm mangelt es Foda weiter an Alternativen zu Marko Arnautovic, weshalb die Einwechslung von Michael Gregoritsch in Minute 89 eher als Zeitgewinn diente. Allerdings: Arnautovic kassierte am Montag durch übermotiviertes Hineinrutschen unnötig Gelb - bei einer weiteren Verwarnung wäre er gesperrt.