Gerhard Struber, Trainer des Wolfsberger AC, konnte sein Glück kaum fassen - schon gar nicht in kurze Worte. "Wenn man gegen so einen Spitzenverein aus so einer Kategorie spielt und auswärts mit 4:0 gewinnt", sprudelte es nach dem Europa-League-Erfolg bei Borussia Mönchengladbach aus ihm heraus, wenn man dies also bewerkstelligt, "noch dazu mit dieser Art und Weise, und wenn die Jungs das so umsetzen, wie wir uns das vorgestellt haben", wenn das unmöglich Geglaubte also tatsächlich eintritt, dann, so Struber, ja, "dann macht das schon sehr stolz".

Stolz und Freude sind freilich berechtigt. Schließlich hatte dem österreichischen Europa-League-Debütanten, dessen dritter Bundesliga-Rang schon als Sensation angesehen worden war, im Vorfeld kaum jemand Chancen gegeben, auswärts gegen eine Mannschaft zu bestehen, deren Marktwert um etwa das Zwanzigfache höher eingeschätzt wird als jener Borussias. Nun aber hat diese Mannschaft nicht nur reüssiert, sondern die Gladbacher auch mit dem höchsten Sieg einer rot-weiß-roten Truppe gegen einen deutschen Verein richtiggehend düpiert, wie die Presse im Gastgeberland entsetzt zur Kenntnis nehmen musste.

"Ösi-Wölfe schocken Gladbach - Euro-Schande für Gladbach", titelte die "Bild"-Zeitung, die von einem "Grottenkick" schrieb und nicht vergaß, die vermeintliche Bierseligkeit der Gäste-Fans zu erwähnen. Eine "Abreibung historischen Ausmaßes" wiederum ortete das Fachmagazin "Kicker", das den Kärntnern immerhin zugestand, dass der Sieg "auch in dieser Höhe völlig verdient" gewesen sei.

Ähnlich hatte sich zuvor auch Gladbach-Trainer Marco Rose geäußert. Der frühere Salzburger Erfolgscoach, ein Kenner der österreichischen Liga also, war im Vorfeld so ziemlich der einzige Mensch in Deutschland gewesen, der ernsthaft vor den Wolfsbergern gewarnt hatte. Danach meinte er: "Im österreichischen Fußball hat sich in den letzten zwei, drei Jahren etwas entwickelt. Man fährt nicht mehr nur wohin und schaut sich die Stadien an. Man will auch etwas erreichen."

Auf den Spuren Salzburgs

Nicht zuletzt Salzburg hatte diese Mentalität vorgelebt, der Linzer ASK, der sich zum Europa-League-Auftakt gegen Rosenborg mit 1:0 durchsetzte - was im Jubel über den WAC freilich etwas unterging -, und der WAC haben sich aber auch sonst viel vom Serienmeister abgeschaut. Nicht zufällig sind diese beiden Mannschaften auch nach sieben Bundesliga-Runden wie in der Endtabelle der Vorsaison die ersten Verfolger der Salzburger, die freilich national noch immer das Maß aller Dinge und mit einem 6:2 über Genk fulminant in die erste Champions-League-Gruppenphase der Red-Bull-Ära gestartet sind.

6:2, 1:0 und 4:0 lautet somit die beeindruckende Bilanz des ersten Europacup-Spieltags dieser Saison, der durchaus Lust auf mehr macht. Vorerst ist der Schub für den heimischen Fußball aber in erster Linie gefühlsmäßiger Natur. Denn für die Uefa-Fünfjahreswertung, die für die Aufteilung der Europacupstartplätze relevant ist, bedeuten die Erfolge vorerst noch nicht viel. Lag Österreich 2017/18 - vor allem mit den Punkten, die Salzburg unter Rose durch das Europa-League-Halbfinale holte - noch an elfter Stelle, ist man nach der Vorsaison, als für Salzburg im Achtelfinale und für Rapid im Sechzehntelfinale das Aus gekommen war, auf den zwölften Platz zurückgefallen. Und diesen hat man auch aktuell inne - hinter der Türkei (mit dessen Vertreter Basaksehir es der WAC in der Gruppe noch zu tun bekommt) und vor Tschechien.

An der Spitze liegt nach wie vor die spanische Liga vor der englischen und der deutschen, die schon nach der vorigen Saison auf hohem Niveau zu jammern begonnen hatte. Nach diesem Donnerstagabend ist das Jammern nicht gerade leiser geworden.