"Jetzt rufen wir Anfield, und wir werden sehen, was passiert." Nein, hier spricht nicht der Held in der griechischen Mythologie, der vor einem entscheidenden Kampf ein Orakel befragt. Auch kein mittelalterlicher Krieger, der seine Gottheit um Hilfe anfleht. Es ist ein Fußballtrainer anno 2018 n. Chr., der mit diesen archaischen Worten die Fußballgötter seines Heimstadions anruft. Liverpool-Trainer Jürgen Klopp mobilisierte so im vergangenen Dezember vor dem finalen Champions-League-Gruppenspiel gegen Napoli erfolgreich die guten Geister des Stadions an der Anfield Road zum knappen 1:0-Sieg - der Rest ist Geschichte, die am 1. Juni mit dem größten europäischen Titel für die Reds endete. Am Mittwoch (21Uhr/Sky) gastiert Österreichs Serienmeister Salzburg im wohl legendärsten Stadion der Welt.

Wembley, Camp Nou, Maracanã - allesamt sind bei weitem größere und für das Geschehen im Weltfußball bedeutendere Stätten als die knapp 54.000 Zuschauer fassende Anfield-Arena. Doch Anfield ist Kult und war schon Kult, als der moderne Fußball Mitte des vergangenen Jahrhunderts seinen Siegeszug antrat. Ein Stadion als Legende - oder wie José Mourinho einmal ätzte: "Es ist das einzige Stadion der Welt, das Tore schießen kann." Kurz zuvor war seine Elf Chelsea im Champions-League-Halbfinale 2005 durch einen umstrittenen Treffer ausgeschieden: Lange vor Torlinientechnik und Video-Schiri sorgte ein deutlich vor der Linie weggeschlagener Ball für kollektives Ausflippen in Anfield, der Unparteiische ließ sich täuschen und entschied auf Tor - Liverpool stand im Finale und holte später den Titel. Einfach magisch.

Um das Phänomen Anfield zu erklären, muss man aber weiter zurück in die Geschichte blicken: Hinter dem südwestlichen Tor befand sich einst die Tribüne der allertreuesten Fans des LFC, genannt "The Kop". Sie war mit 30.000 Stehplätzen nicht nur die größte Fantribüne Europas, sondern auch die lauteste und stimmungsvollste. Und schrieb als solche Geschichte, als ebendort in der Spielzeit 1967/68 der klassische Fangesang während der Matches seine Geburtsstunde erlebte. Der Legende nach war dichter Nebel der Auslöser, sodass die Fans ein geschossenes Tor nicht sehen konnten und daher zur gegenüberliegenden Tribüne rüberbrüllten, wer denn der Torschütze gewesen sei. Von dort kam prompt die Replik im Singsang.

"You’ll Never Walk Alone"

Wer Fangesang und Liverpool sagt, kommt natürlich an einem Lied nicht vorbei: "You’ll Never Walk Alone" ist die Hymne des Fußballs schlechthin und das Vereinsmotto des LFC gleichermaßen. Dass das Stück aus dem Broadway-Musicals "Carousel" Weltruhm erlangen sollte, war ein Verdienst der Fans von "The Kop", die sich Anfang der 1960er Jahre den damaligen Cover-Hit von Gerry & the Pacemakers aneigneten und zur Reds-Hymne machten. Das Versprechen "You’ll Never Walk Alone" prangt auch über dem schmiedeeisenen Shankly-Tor in Anfield und ziert seit 1989 das Vereinswappen mit dem "Liver Bird".