Wer geglaubt hatte, die sportliche Bilanz der bulgarischen Fußball-Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation sei schon desaströs genug, der hat sich womöglich noch nicht mit den Folgen des Geschehens abseits des Rasens beschäftigt. Denn schwerer als das 0:6 gegen England, die vierte Niederlage in sieben Qualifikationsspielen bei drei Remis, und der letzte Platz in Gruppe A wiegen die rassistischen Vorfälle vom Montag, derentwegen das Spiel gegen die Briten in Sofia schon in der ersten Hälfte zweimal hatte unterbrochen werden müssen.

Fans in Sofia diskreditieren offen den Aufruf nach Respekt und Fairplay im Fußball. - © Action Images via Reuters, Carl Recine
Fans in Sofia diskreditieren offen den Aufruf nach Respekt und Fairplay im Fußball. - © Action Images via Reuters, Carl Recine

Bei Ballberührungen von Raheem Sterling und Co. waren Affenlaute von den Rängen zu hören und ebendort Hitlergrüße zu sehen. Und es ist nicht das erste Mal, dass bulgarische Fans in dieser Hinsicht auffällig wurden. Nachdem es schon in den vorangegangenen Heimspielen ähnliche Vorfälle und Teilsperren des Stadions gegeben hatte, drohen nun noch weit drastischere Sanktionen vom Europaverband Uefa, der unter anderem von der britischen Regierung energisch zum Handeln aufgefordert wird.

England fordert Konsequenzen

"Der Rassismus, den wir gestern Abend gesehen und gehört haben, ist abscheulich und hat weder im Fußball noch irgendwo anders Platz", sagte ein Sprecher des britischen Premierministers Boris Johnson. Oppositionsführer Jeremy Corbyn von der Labour-Party hatte noch am Abend selbst via Twitter seine Solidarität mit den englischen Spielern zum Ausdruck gebracht und geschrieben: "Die Uefa muss deutlich mehr tun, um diese Art von Beschimpfungen zu bekämpfen."


Doch nicht nur in England, auch in Bulgarien schlagen die Vorfälle hohe Wellen. Die bulgarische Regierung forderte Borislaw Michailow, den Präsidenten des nationalen Fußballverbandes, umgehend zum Rücktritt auf und drohte mit dem Aussetzen finanzieller Zuwendungen. Michailow wies dies zunächst noch zurück, brachte dann aber doch einen Antrag auf Rücktritt ein. Regierungschef Bojko Borissow von der konservativen GERB-Partei erklärte, es sei "unakzeptabel für Bulgarien, eines der tolerantesten Länder der Welt, mit Rassismus und Yenophobie in Verbindung gebracht zu werden."

Problematischer Umgang mit Minderheiten

Freilich sehen internationale Beobachter das Land in einem etwas anderen Licht. In einem Bericht des PEW Research Center etwa gaben bei einer Befragung nur 32 Prozent der befragten erwachsenen Bulgaren an, sie würden einen Moslem als Familienangehörigen akzeptieren – für Juden liegt dieser Wert bei 55 Prozent –, 85 Prozent sagten, es sei wichtig für die nationale Identität, in dem Land geboren worden zu sein. Und vor allem Minderheiten wie Roma leiden in Bulgarien nach wie vor unter massiver Marginalisierung.


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Insofern kann Bulgarien nun einen Rassismus-Skandal, der nicht nur den im Land populären, sondern auch den weit über die Grenzen hinausreichenden internationalen Fußball erschüttert, so gar nicht brauchen. In der Mannschaft selbst bemüht man sich daher auch, die Vorfälle vom England-Spiel herunterzuspielen. Teamchef Krassimir Balakow, Mitglied der goldenen Generation, die bei der WM 1994 in den USA mit dem vierten Platz Geschichte geschrieben hat, und heuer im Mai angetreten, um den alten Glanz zurückzubringen, erklärte, er habe "absolut nichts" gehört und sprach im Gegenzug von "ungebührlichem Verhalten" der Gästefans gegenüber den eigenen Spielern.

Der Schaden ist aber bereits angerichtet – auch wenn Gareth Southgate, der englische Teamchef, doch noch versuchte, das Positive mitzunehmen: "Wir wissen, dass dies eine inakzeptable Situation ist, aber ich glaube, wir haben es geschafft, zwei Antworten zu geben: zum einen, indem wir das Spiel gewonnen haben, und zum anderen, indem wir alle auf die Situation aufmerksam gemacht haben, als das Spiel zweimal gestoppt wurde", sagte Southgate, dessen Mannschaft die Gruppe A nach sechs Spielen mit 15 Punkten vor Tschechien anführt und für die EM planen kann. "Ich bin unglaublich stolz. Wir wollen Stories im Fußball schreiben, aber ich denke, wir waren auch Teil von etwas, das – denke ich – größer ist." Und immerhin: Auf ein Wiedersehen mit den bulgarischen Fans bei der EM muss man sich nicht gefasst machen. So oder so nicht.