Das Epizentrum war Sofia, doch die Wellen der Erschütterung ziehen immer weitere Kreise. Nach jenem Skandalspiel in der EM-Qualifikation, bei dem Bulgarien am Montagabend gegen England mit 0:6 unterging und der gesamte Fußball des Landes von einigen Fans, die Hitlergrüße auf den Tribünen zeigten und Affenlaute sowie andere Beleidigungen in Richtung dunkelhäutiger englischer Spieler schmetterten, in Misskredit gebracht wurde, wird der internationale Ruf nach Sanktionen immer lauter.

Mit Kampagnen wie dieser will der organisierte Fußball im Kampf gegen Rassismus sensibilisieren. Doch es gibt noch immer viel zu tun, wie die jüngsten Beispiele zeigen. - © APAweb / Reuters, Kai Pfaffenbach
Mit Kampagnen wie dieser will der organisierte Fußball im Kampf gegen Rassismus sensibilisieren. Doch es gibt noch immer viel zu tun, wie die jüngsten Beispiele zeigen. - © APAweb / Reuters, Kai Pfaffenbach

Da half es auch nichts, dass nach den erneuten Vorkommnissen dieser Art der Präsident des nationalen Verbandes, Borislaw Michailow, auf Druck der um das Image Bulgariens besorgten Regierung von Bojko Borissow seinen Rücktritt ankündigte, Teamchef Krassimir Balakow spät, aber doch nach entschuldigenden Worten suchte ("Ich lehne Rassismus ausdrücklich als Verhalten ab, das dem modernen menschlichen Zusammenleben widerspricht") und die Behörden vier Menschen festnahmen sowie das Verbandsbüro durchsuchten. Der Europaverband Uefa erhob Anklage gegen den bulgarischen Fußball, der Präsident des Weltfußballverbandes Fifa, Gianni Infantino, kündigte an, mögliche Sanktionen weltweit auszudehnen, und rief die nationalen Verbände und Vereine generell auf, "neue, stärkere und effizientere Wege" zu finden, um die "abscheuliche Krankheit" Rassismus, wie er es nennt, in den Stadien einzudämmen.


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Fans hatten in Bulgarien am Montag für einen Skandal gesorgt. - © Action Images/Reuters, Carl Recine
Fans hatten in Bulgarien am Montag für einen Skandal gesorgt. - © Action Images/Reuters, Carl Recine

Zunächst ist die Uefa am Zug

Zwar haben Erhebungen des Netzwerks Fare ("Football against Racism"), das seit 20 Jahren tätig ist, ergeben, dass rassistische Vorkommnisse in den vergangenen Jahren aufgrund von Sensibilisierungskampagnen (und allfälligen Strafen) nachgelassen haben, doch die Vorfälle der vergangenen Wochen haben Infantino zu der Erkenntnis kommen lassen, dass mehr Handlungsbedarf besteht als erhofft. "Wir sagen immer wieder, dass es im Fußball keinen Raum für Rassismus gibt, dennoch sehen wir uns dem Problem immer mehr ausgesetzt", meinte der Weltverbandspräsident.

"Ich lehne Rassismus als Verhalten ab, das dem modernen menschlichen Zusammenleben widerspricht", sagt Bulgariens Fußball-Teamchef Krassimir Balakow. - © Action Images/Reuters, Tony O'Brien
"Ich lehne Rassismus als Verhalten ab, das dem modernen menschlichen Zusammenleben widerspricht", sagt Bulgariens Fußball-Teamchef Krassimir Balakow. - © Action Images/Reuters, Tony O'Brien

Zunächst aber ist die Uefa am Zug, in deren Bewerb schließlich die Vorkommnisse geschahen. In dem Reglement sind generell mögliche Maßnahmen festgeschrieben – sowohl für den Fall, dass sich Spieler eines Fehlverhaltens schuldig machen, als auch wie diesmal (und meistens) die Anhänger. Eine Teilschließung des Stadions gilt demnach als Mindeststrafe. Da bulgarische Fans aber schon zum wiederholten Mal einschlägig auffällig wurden, gehen die möglichen Strafen bis hin zu einem Ausschluss des Verbandes aus den Wettbewerben. Gegen identifizierte Täter gibt es zudem die Möglichkeit, Stadionsperren – Infantino fordert solche auf Lebenszeit – zu verhängen.

Lazio erneut verurteilt

Strafen für Verbände sind auch für Fälle vorgesehen, in denen Spieler oder Fans sich eines "anderen unangemessenen Verhaltens" schuldig machen. Als solches betrachten Uefa und Fifa – die hierbei über ein fast identlautendes Regularium verfügen – etwa die "Verbreitung provokanter, einer Sportveranstaltung unangemessener Botschaften aller Art, insbesondere solcher politischen, religiösen und beleidigenden Inhalts, durch Geste, Bild, Wort oder andere Mittel".

Darunter fallen beispielsweise der Militärgruß einiger türkischer Nationalspieler in den vergangenen Tagen, dessentwegen die Uefa ebenfalls ermittelt. Es mag eine zufällige zeitliche Koinzidenz gewesen sein, doch es passt ins längst nicht so bunte Bild, wie es der Fußball in seiner Eigendefinition als völkerverbindend, aber zugleich unpolitisch gerne hätte, dass ausgerechnet am Tag nach dem Skandalspiel zum wiederholten Mal Sanktionen gegen den italienischen Verein Lazio ausgesprochen werden mussten. Nach rassistischen Beleidigungen der Fans gegen gegnerische Spieler im Oktober gegen Stade Rennes wurde der Verein am Mittwoch mit einer Sperre von vier Sektoren für das nächste Europa-League-Heimspiel und einer Geldstrafe von 20.000 Euro belegt. Doch die seismischen Wellen an Rassismus und anderweitiger Diskriminierung, die den Fußball nach wie vor erschüttern, sind längst nicht abgeklungen.