Er erschien standesgemäß im grün-weißen Hemd, äußerlich entspannt, innerlich aber wohl doch etwas geladen. Die Kritik der vergangenen Tage im Intensivwahlkampf um seine Nachfolge hat Michael Krammer, der nach sechs Jahren am Montag aus dem Amt scheidet und entweder von Roland Schmid oder Martin Bruckner beerbt wird, nicht kalt gelassen.

Vor allem Schmid hatte zuletzt sowohl die sportlichen als auch die gesellschaftlichen Auftritte angeprangert. Krammer wollte in seiner Abschiedsrede zwar niemanden persönlich ansprechen, replizierte aber direkt auf diese und andere Vorwürfe. "Schon Michael Häupl hat gesagt, Wahlkampf ist die Zeit fokussierter Unintelligenz. Da muss man einige Dinge richtigstellen, wenn sogar behauptet wird, es werde verbrannte Erde hinterlassen. Glaubt man wirklich, es gibt verbrannte Erde zwischen Rapid und der Stadt Wien, wenn man dieses Stadionprojekt stemmt? Glaubt man wirklich, es gibt verbrannte Erde mit den Behörden, wenn es eine Ausnahmegenehmigung für Pyrotechnik gibt? Glaubt man wirklich, es gibt verbrannte Erde im Verhältnis zu anderen Klubs, wenn Rapid sich dafür stark gemacht hat, dass jeder Verein das Recht hat, die Sky-Bilder für seinen Channel verwenden zu dürfen?"


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Geschäftsbericht 2018/19
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Roland Schmid ist einer von zwei Kandidaten auf das Rapid-Präsidentschaftsamt. - © Roland Schmid Group
Roland Schmid ist einer von zwei Kandidaten auf das Rapid-Präsidentschaftsamt. - © Roland Schmid Group

Krammer wollte vielmehr die "positive Verankerung Rapids in der Gesellschaft" herausstreichen, von Problemen mit den Fans, die bisweilen für Schlagzeilen sorgen, will er ebenso nichts wissen ("Wir sind ein Verein zum Anfassen") wie von sportlichem Misserfolg – auch wenn nicht alle Ziele, die er sich bei seinem Amtsantritt vorgenommen hatte, erreicht wurden. Der Gewinn von zumindest drei nationalen Titeln war eines davon, der Vorstoß in die Top 50 der Uefa-Klubrangliste ein anderes. Nationalen Triumphen läuft man seitdem vergeblich nach, immerhin stehen aber vier Europa-League-Gruppenphasen, zweimal der Einzug in die K.o.-Runde, zwei Cup-Finali, drei Vizemeistertitel sowie Uefa-Rang 62 auf der Habenseite. "Aber ja, wir haben uns deutlich mehr erwartet", gab Krammer zu.

Martin Bruckner will auf "Evolution statt Revolution" setzen. - © APAweb / Georg Hochmuth
Martin Bruckner will auf "Evolution statt Revolution" setzen. - © APAweb / Georg Hochmuth

Als "Schlüsselereignis", warum es nicht immer nach Wunsch gelaufen sei, nennt er die Ablöse Zoran Barisics als Trainer 2016 – es ist jener Punkt, in dem Krammer eigene Fehler einräumt. "Wir haben in den ersten drei Jahren mit Zoki Barisic eine sehr positive Entwicklung genommen. Dann haben wir aber – durch das neue Stadion, durch neue finanzielle Möglichkeiten et cetera – geglaubt, es gibt eine Abkürzung zum Erfolg. Doch es war keine Abkürzung, es war ein Holzweg."

"Kann dem Wahlkampf nichts Positives abgewinnen"

Barisic wurde vor die Tür gesetzt, Mike Büskens geholt. Ihm folgten bald Damir Canadi, Goran Djuricin – und einige Enttäuschungen. Die Verpflichtung von Vereinsikone Dietmar Kühbauer vor etwas mehr als einem Jahr sowie die spätere Rückholaktion Barisic’ als Geschäftsführer Sport sowie ein Stärken des Fokus’ auf den Nachwuchs nennt Krammer als "Kurskorrektur". Auch wenn man in der vergangenen Saison die Meistergruppe verpasst hatte und sich der Erfolg noch nicht wie von vielen erwünscht eingestellt hat – aktuell liegt man in der Bundesliga 14 Punkte hinter Salzburg, aber auch schon elf hinter dem Lask und drei hinter dem WAC – meint Krammer in seinem Appell an seinen Nachfolger daher: "Lasst dieses Team arbeiten."

Er jedenfalls hinterlässt als größtes Erbe das Allianz-Stadion, eine Digitalisierungsoffensive sowie einen wirtschaftlichen Aufschwung. Lag der Umsatz vor seinem Amtsantritt bei 17,8 Millionen Euro, konnte man im vergangene Woche veröffentlichten Geschäftsbericht für das nationale Geschäftsjahr 2018/19 einen Wert von mehr als 32 Millionen Euro präsentieren. In Zukunft sollen freilich wieder Erlöse aus internationalen Bewerben dazukommen – zuletzt eines jener Mankos, die Schmid scharf kritisiert hatte.

Anders als der Selfmade-Millionär Schmid, Chef des Rapid-Sponsors Immo United, der wohl einige neue Schwerpunkte setzen würde, wäre Martin Bruckner, unter Krammer Klub-Finanzreferent, ein Signal, den bisherigen Weg weiterzugehen – was wohl eher im Sinne des scheidenden Chefs wäre. Vorerst wird dieser aber froh sein, wenn der Wahlkampf vorbei ist. "Ich kann ihm gar nichts Positives abgewinnen", sagte er am Donnerstag. Es klang schon wieder weniger entspannt.