Geschichte wiederholt sich. Zumindest für die Fußballer von Salzburg, die am 10. Dezember in der Champions League eine veritable Sportsensation auf den Beinen haben: Nach dem 4:1-Sieg bei KRC Genk und einer neuerlich starken Vorstellung auf der höchsten europäischen Bühne mutiert das abschließende Gruppenspiel gegen den FC Liverpool zu einem "Finale dahoam". Schlägt die Truppe von Jesse Marsch den Titelverteidiger, ist der Achtelfinalaufstieg besiegelt und die Elf von Jürgen Klopp ziemlich sicher draußen. Und damit gibt es dieselbe Konstellation wie vor genau 25 Jahren, als der Vorgängerklub SV Salzburg ebenfalls vor heimischem Publikum (in Wien) den Champions-League-Titelverteidiger AC Milan am letzten Spieltag aus dem Bewerb kicken konnte.

Da das Unterfangen beim ersten und bis heuer einzigen Königsklassenauftritt der Salzburger misslang, möge sich diese Geschichte aber nicht wiederholen: Otto Konrad, Heimo Pfeifenberger und Co. unterlagen 1994 im Prater bekanntlich knapp mit 0:1 - die Rossoneri kamen weiter und scheiterten erst (wieder in Wien) im Finale an Ajax Amsterdam. Es war auch der Anfang vom Ende des Salzburger Wunderteams unter Otto Baric, das im selben Jahr bis ins Uefa-Cup-Finale (zwei Mal 0:1 gegen Inter) vorgestoßen war und eine noch nie dagewesene Euphorie im Land entfachte.

"Die Hütte wird brennen"

Hätte damals gegen Milan schon ein Remis gereicht, braucht es nun freilich fix einen Sieg gegen den überlegenen Tabellenführer der Premier League: Jeder Erfolg mit einem Tor Unterschied (bis zu einem Resultat von 4:3) würde die Salzburger vor den LFC katapultieren, da bei Punktegleichstand das direkte Duell für Salzburg entschiede; Liverpool müsste dann auf eine Heimniederlage von Napoli gegen Genk hoffen, weil den Süditalienern nach dem 1:1 am Mittwoch in Anfield bereits ein Remis zum Achtelfinal-aufstieg reicht.

"Unser Ziel war es, im letzten Spiel zu sein und eine Chance zu haben, dass wir am Leben sind. Und wir sind da", frohlockte Marsch nach der neuerlichen Torgala in Flandern. "Gegen eine Mannschaft wie Liverpool ist es eine Wahnsinnsgelegenheit. Es ist ganz schwierig, aber es ist möglich. Warum nicht?" Und der US-Amerikaner sparte nicht mit Superlativen: "Das letzte Spiel ist vielleicht die größte Herausforderung in der Karriere von vielen Spielern und Trainern - im Leben von allen." Ähnlich sieht es Mittelfeld-Routinier Zlatko Junuzovic: "Wir haben jetzt ein Endspiel, ein ‚Finale dahoam‘ gegen Liverpool. Besser geht es nicht." Und dabei könnte der zwölfte Mann den Ausschlag geben: "Jetzt wird die Hütte brennen, wie sie noch nie gebrannt hat. Das wird das Spiel des Jahres", so Junuzovic.

Liverpool im Stress

Immerhin ist mit dem Punktegewinn in Belgien das Minimalziel der Red-Bull-Truppe - die K.o.-Phase der Europa League als Dritter - endgültig eingefahren. Der Verbleib in der Königsklasse wäre also nur ein Bonus. Anders ist die Situation natürlich bei Liverpool, das den Aufstieg bei der Mission Titelverteidigung eigentlich schon für Mittwoch fix eingeplant hatte. Denn statt eines "Urlaubsspiels in Salzburg" (Klopp) wird der Dezember nun richtig stressig: Zehn Spiele müssen bis Jahresende noch absolviert werden - außer den wichtigen Matches in der Liga, wo der erste Meistertitel seit 1990 eingefahren werden soll, wartet am 17. Dezember Aston Villa im Liga-Cup und kurioserweise schon tags darauf das erste Spiel bei der Fifa-Klub-WM in Katar, wo Klopp zwangsläufig eine andere Elf stellen muss. So gesehen kommt die Nachschicht in Salzburg höchst ungelegen und wird zudem "schwer, das ist klar", so Klopp: "Wenn wir in der Champions League Ambitionen haben, müssen wir das in Salzburg zeigen. Bis dahin müssen wir zeigen, dass wir auch in der Premier League Ambitionen haben."