Beginnen wir ganz von vorne: Ein Schuss, ein Tor, ein Schrei: "Tor! Tor! Tor! Tor! Martin Amerhauser!" Nach diesem Jubelausbruch musste selbst ORF-Reporterlegende Robert Seeger kurz durchschnaufen, um Sekunden später dann eine richtungsweisende Analogie zu ziehen - von Sternstunde zu Sternstunde sozusagen: "Mein unvergessener Freund Edi Finger hätte jetzt sicher gesagt: ,I wer’ narrisch!‘" Von Córdoba 1978 zum Uefa-Cup-Achtelfinale zwischen SV Austria Salzburg und Sporting Lissabon am 7. Dezember 1993 ist es normalerweise ein weiter Weg, aber Seeger - in Córdoba übrigens einst noch phlegmatischer TV-Kommentator, während Finger mit seinem Radiogeschrei unsterblich wurde - schien schon zu ahnen, dass dieser 3:0-Siegtreffer in der Verlängerung erst der Anfang vom Lied war. Es folgte nämlich das wohl größte Fußballmärchen, das Österreich je erlebt hat: Biedere Provinzkicker wurden zu landesweiten Popstars (mit sogar zwei Hits in den Charts), Fußball mit Herz triumphierte über deutsche Überheblichkeit und eine Welle der Euphorie trieb die Salzburger Violetten zwei Mal bis an die Schwelle zur absoluten Sensation auf europäischer Bühne.

Nach Färöer am Ende

Um heute zu verstehen, was sich vor 25 Jahren genau abgespielte, muss man noch etwas weiter zurückgehen. Anfang der 1990er-Jahre lag das Land fußballerisch darnieder: Die WM 1990 in Italien war blamabel zu Ende gegangen (Sinnbild war Toni Pfeffers verkümmerter Rückpass gegen die CSFR), kurz darauf folgte in der EM-Qualifikation auf den Färöer die totale Kapitulation (Sinnbild war der alle Bälle entschärfende Zipfelmützentormann). Auch in der WM-Qualifikation für die USA war Österreich chancenlos, dazu gesellten sich maue Leistungen im Europapokal - Rot-Weiß-Rot schien für Jahre weg vom Fenster zu sein. Bis eben der 19-jährige Amerhauser kam und mit seinem Volleytreffer vom Elferpunkt das erste Kapitel des Salzburger Fußballwunders schrieb.

Otto Konrad wurde in Frankfurt zum Idol. - © picturedesk/Schneider
Otto Konrad wurde in Frankfurt zum Idol. - © picturedesk/Schneider

Denn kaum wer hatte nach dem 0:2 im Hinspiel gegen Luís Figos Sporting noch einen Schilling auf die Elf von Otto Baric gesetzt. Schon gar nicht nach dem Ausschluss von Kurt Garger nach 87 Minuten beim Stand von 1:0. Aber wie so oft treibt der Europacup seltsame Blüten - so auch an diesem kalten Feiertagsvorabend im Dezember im Lehener Stadion. Denn Sekunden vor dem Ende der regulären Spielzeit donnerte der jetzige Frankfurt-Trainer Adi Hütter einen seiner gefürchteten Fernschüsse in die Maschen, ehe dann in der Verlängerung der umjubelte Aufstieg fixiert wurde.