So ein Spiel gibt es halt nur alle paar Jahrzehnte. Und wer weiß, ob so eine Chance in naher Zukunft für den österreichischen Fußball je wiederkommt. Salzburg vs. Liverpool ist aus Sicht der Heimmannschaft mehr als das letzte Gruppenspiel der heurigen Champions League, es ist vielmehr die Chance auf ein Fußballwunder, auf den Eintrag in die Geschichtsbücher, auf - wahrscheinlich - (lokale) Unsterblichkeit: Erstmals könnte ein österreichischer Klub den Einzug in die K.o.-Phase der europäischen Eliteliga schaffen (für Sturm ging es in der Saison 2000/01 nach dem Gruppensieg mit einer weiteren Gruppenphase weiter), und zum erst zweiten Mal könnte es der Titelverteidiger (Liverpool) nicht in die K.o.-Phase schaffen, nachdem mit Chelsea 2012 schon ein Premier-League-Klub gescheitert war.

Für eine solche sportliche Sternstunde am Dienstagabend (18.55Uhr/Dazn) braucht es allerdings nicht mehr und nicht weniger als einen Sieg - allerdings gegen den überlegenen Tabellenführer in England, gegen das wohl immer noch beste Team Europas, dem schon ein Remis zum Weiterkommen reicht. Für die Elf von Jesse Marsch ist die Rechnung genauso simpel: Jeder Sieg mit höchstens drei Gegentoren führt unweigerlich zum Aufstieg, weil man aufgrund des direkten Duells (3:4 im Hinspiel) beziehungsweise der besseren Tordifferenz an den Reds vorbeiziehen würde. Napoli wiederum reicht im Parallelspiel zu Hause gegen Genk ebenfalls ein Unentschieden für das Achtelfinale.

Bleibt die Frage, wie legt es der Salzburg-Trainer an? Den FC Liverpool - wie Genk - mit bedingungsloser Offensive zu erdrücken probieren? Oder doch die vorsichtigere Variante mit mehr defensiver Stabilität als beim Torspektakel in Anfield? Konkretes war Marsch bei der Abschluss-Pressekonfernz nicht zu entlocken, wie immer sprühte der US-Amerikaner vor Zuversicht und bemühte viele Motivations-Floskeln: "Wichtig ist, dass wir Selbstvertrauen, Aggressivität, Präsenz am Platz haben. Ganz frei und aggressiv, das ist ein großer, großer Schlüssel für uns. Wir müssen frei im Kopf sein und Vollgas geben." Dass am Ende hinten die "Null" steht gegen die Offensivpower von Mohamed Salah, Sadio Mané und Firmino, darf freilich nicht unbedingt erwartet werden. "Sie sind so gut im Umschalten. Wir müssen immer bereit sein für jede Situation", meinte Marsch, der sich auch die Option einer defensiven Dreierkette offenhielt.

"Magische Möglichkeit"

Allerdings gibt die Auswärtsschwäche des LFC - sieben der jüngsten zwölf Auswärtsmatches im Europacup gingen verloren - gepaart mit dem ausverkauften Tollhaus Bullen-Arena und fast 30.000 Fans im Rücken Grund zur Hoffnung. "Wir sind bereit für einen großartigen Moment. Es ist verrückt, dass wir diese magische Möglichkeit haben", meinte Marsch, der die bisherige Stimmung in Wals-Siezenheim hervorhob: "Das Stadion hat so viel Energie gehabt. Unsere Fans können viel helfen."

Auch bei seinem Torschützen vom Dienst, dem 19-jährigen norwegischen Stürmerjuwel Erling Haaland, knistert es schon gewaltig: Der 29-fache Saisontorschütze, davon acht Mal in der Königsklasse, sprach ohne Umschweife vom "größten Spiel meiner Karriere". Sein Rezept, um das Starensemble von Jürgen Klopp in die Knie zu zwingen: "Wir werden mit einem Lächeln hinausgehen und Spaß haben." Auch Routinier Zlatko Junuzovic (32) hat einen Schlüssel zum Erfolg ausgemacht: "Sie haben wenige Schwächen, aber wir können ihnen wehtun. Es wird nur mit Emotion und Leidenschaft gehen."

Dennoch bleibt Liverpool, sechsfacher Champions-League-Sieger, der große Favorit: In der Premier League beträgt der Vorspruch auf Leicester 8 und auf Titelverteidiger Manchester City bereits 14 Zähler. Am Samstag ließ Klopp beim 3:0 über Bournemouth rotieren - und freute sich über die "Null": "Auch am Dienstag käme das nicht ungelegen."