Ein Land, flächenmäßig so groß wie Oberösterreich, als Ausrichter eines der größten Sportereignisse weltweit, mit all seinen logistischen und infrastrukturellen Herausforderungen? Das geht, man muss nur etwas weiter gen Osten nach Katar blicken, wo in etwas mehr als zweieinhalb Jahren die Fußball-WM 2022 stattfindet. Dass es geht, liegt - wie nicht selten bei solchen Anlässen - zum einen an viel Geld, zum anderen an den hunderttausenden Arbeitsmigranten, die eigens für die WM-Bauten ins Land geholt wurden. Das Turnier hat demnach schon im Vorfeld nicht nur ein Schlaglicht auf die Bestechungsanfälligkeit des Weltfußballverbandes Fifa gerichtet - die Vergabe im Dezember 2010 fand unter höchst dubiosen Umständen statt und wird bis heute von Korruptionsvorwürfen begleitet -, sondern auch auf die Situation ausländischer Arbeitskräfte vorwiegend im Nahen und Mittleren Osten. Katar dient dafür als Paradebeispiel. Von den knapp 2,7 Millionen Einwohnern besitzen nur rund zwölf Prozent die Staatsbürgerschaft, die anderen kommen vorwiegend aus Bangladesh, Nepal, Indien und den Philippinen. Doch der Versuch, der Armut in ihrer Heimat in einem der reichsten Länder der Welt zu entfliehen, endet nicht selten in Ausbeutung, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit - und auch Tod.

Das Ende von Kafala?

Seit internationale Medien und Menschenrechtsorganisationen von den ersten Todesfällen auf den WM-Baustellen - mittlerweile sollen es mehr als tausend sein - berichtet haben, stehen Katar und auch die Fifa weltweit unter Druck. Angeprangert wurden die schlechten Bedingungen auf den Baustellen, auf denen die Arbeiter bei brütender Hitze oft den ganzen Tag ohne Wasser auskommen müssen, die menschenunwürdigen Behausungen - und vor allem das System, das es Arbeitgebern ermöglicht, völlig über ihre Arbeiter zu bestimmen. Im "Kafala"-System brauchen ausländische Arbeitskräfte einen Bürgen, dem sie sich nach der Einreise mehr oder minder ausliefern. Wechsel des Wohnortes oder Arbeitsplatzes sowie die Ausreise bedürfen dabei der Zustimmung des Bürgen, der oftmals Papiere und Pass einbehält. Auch Fußballer selbst sind davon betroffen. Zahir Belounis etwa, ein französisch-algerischer Spieler, wurde, nachdem er lange sein Gehalt nicht gesehen hatte, jahrelang gegen seinen Willen im Land festgehalten. Später sollte er sagen: "Ich hatte keine Ahnung, dass es im 21. Jahrhundert ein System wie Kafala gibt, das dein Leben zerstören kann."

Auf internationalen Druck hin konnte Belounis Katar verlassen, viele Arbeiter haben diese Möglichkeit nicht. Doch langsam könnte sich auch für sie die Lage bessern. Katar hat angekündigt, das Arbeitsrecht zu reformieren sowie Kafala abzuschaffen und hat - nach langem Zaudern - nun Schritte gesetzt. Vor wenigen Tagen verkündete das Emirat, die Ausreisebestimmungen für Migranten würden gelockert. Zudem wurden ein Mindestlohn und ein Schiedsgericht installiert. Die internationale Arbeitsorganisation der UNO sprach von einem "Meilenstein", von dem nicht nur die Arbeiter auf den WM-Baustellen, sondern auch auf Öl- und Gasförderanlagen sowie Hausangestellte profitieren sollen. Menschenrechtsorganisationen bleiben skeptisch. In einem Amnesty-Bericht vom Herbst ist von einem "Tummelplatz skrupelloser Arbeitgeber" die Rede. "Arbeiter gehen in der Hoffnung nach Katar, ihren Familien ein besseres Leben zu ermöglichen. Stattdessen kehren sie ohne Cent in der Tasche zurück, nachdem sie monatelang ihrem Lohn hinterhergelaufen sind."