Es gibt diesen Spruch von Sportlern, die sich darauf beschränken würden, ihre Frisur auszuführen, was wenig Gutes über die Darbietungen und für angepeilte Gipfelstürme heißt. Im deutschen Fußball wurde man unweigerlich daran erinnert in den vergangenen Wochen. Denn im Bundesliga-Spiel gegen Eintracht Frankfurt vor knapp zwei Wochen hatten neun Profis des RB Leipzig zwar eine nagelneue Haarpracht, nachdem man ins Teamhotel einen englischen Coiffeur eingeflogen hatte, am Ende mit 0:2 aber keine Punkte.

Die Vereinsführung war erzürnt und sprach Strafen aus, Trainer Julian Nagelsmann wollte den abendlichen Besuch zwar nicht in seine Post-Match-Analyse einbeziehen, kritisierte dafür aber das Auftreten seiner Mannschaft auf dem Platz in ungewohnt deutlichen Worten. Die Spieler müssten sich "die Frage stellen: Wollen wir den Gipfel erreichen oder bleiben wir kurz darunter stehen und genießen die schöne Aussicht?" Elf Tage sind seither vergangen, doch anstatt dass die öffentliche Zurechtweisung die Profis aufgerüttelt hätte, hat es immer mehr den Anschein, als würden diese sich nun erst recht mit der Aussicht nach oben begnügen.

Im DFB-Pokal ist Leipzig am Dienstag im Achtelfinale ausgeschieden, obwohl kein Friseur für Ablenkung gesorgt hatte, die Revanchegelüste gegen Frankfurt endeten mit einem 3:1-Sieg der Mannschaft von Adi Hütter. Und in der Bundesliga wartet am Sonntag das Spiel gegen Bayern München, das sich im Cup-Achtelfinale am Mittwochabend mit 4:3 gegen Hoffenheim durchsetzte. Um den Druck auf seine Mannschaft nicht zusätzlich zu erhöhen, verzichtete Nagelsmann diesmal auf öffentliche Kritik, zumal seine Elf spielerisch überlegen, aber immer wieder an mangelnder Effizienz gescheitert war, und spielte stattdessen die Bedeutung des Bayern-Matches herunter. Es sei "das allerwichtigste Spiel - für die Medienlandschaft" sagte er.

Doch dass es sich um ein Gipfeltreffen handelt, kann nicht einmal er bestreiten, schließlich spielt der Tabellenerste gegen den -zweiten. Dass Bayern, als Dritter hinter Leipzig und Borussia Mönchengladbach in die Rückrunde gestartet, nun diejenige Mannschaft ist, die an der Spitze steht, während die Sachsen im Frühling nicht so recht aus den Startlöchern gekommen sind, verstärkt die Frage, ob der vermeintliche Leipziger Gipfelsturm nicht doch ein Alzerl zu früh und die interne wie externe Kritik um eben dieses zu scharf dahergekommen ist.

Leipzigs rasanter Aufstieg

Nagelsmann hatte es bei allem Ehrgeiz, der den 32-Jährigen schon in den vergangenen Jahren zu einem der gefragtesten Männer im deutschen Fußball gemacht hat, schon in der Winterpause angedeutet, als er ständig auf die Titelchancen des damaligen Tabellenführers angesprochen wurde. "Dafür müssen wir uns weiterentwickeln. Aktuell sind wir noch nicht gut genug, um Meister zu werden", hatte er gesagt, ohne dass ihm tatsächlich jemand zuhören wollte. Sein Team stehe nur deswegen dort, wo es stehe, weil andere Topteams sich im Herbst unter Wert geschlagen hätten, meinte Nagelsmann.

Bei der traditionellen Umfrage vor Wiederaufnahme des Spielbetriebs hatten indessen Vertreter von fünf Vereinen unter den zwölf Erstligisten auf Leipzig als Meister getippt - und damit den rasanten Aufstieg der Sachsen gewürdigt.

Denn dieser verdient nach wie vor alle Achtung, auch wenn es mit dem Titel heuer nichts werden sollte. Erst im vergangenen Mai hatte der Klub den zehnten Jahrestag seiner Eintragung ins Vereinsregister gefeiert, 2009 hatte man die Lizenz eines Fünftligisten mit dem klingenden Namen SSV Markranstädt übernommen und einen Höhenflug gestartet, der nicht nur im deutschen Fußball Seinesgleichen sucht - wider alle Umstände, wie Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz gerne erzählt. "Als ich die Idee hatte, beim SSV Markranstädt in der fünftklassigen Oberliga Nordost einzusteigen, kamen viele Zweifler an, die sagten: ‚Mach das nicht, das kann nicht funktionieren. Die Tradition von Lok Leipzig ist zu groß.‘ Aber ich hatte halt mal die Schnapsidee", sagt er.

321 Millionen Euro weniger Marktwert als die Bayern

2013 erfolgte nach einem Durchmarsch durchs Unterhaus der Aufstieg von der Regionalliga in die dritte Liga und damit den Profibereich. 2016 zog RB, das RasenBall heißt, obwohl Red Bull drin ist, als 55. Mitglied in die höchste deutsche Spielklasse ein und wurde auf Anhieb Vizemeister.

Dass dies lediglich auf die Alimentation durch den Getränkehersteller zurückzuführen sei, ist indessen eine Mär, die von der Konkurrenz gerne ventiliert wird, einer Überprüfung aber nicht gänzlich standhält. Mit einem Marktwert von kolportierten 594,40 Millionen Euro liegt Leipzig rund 321 Millionen hinter dem Nun-doch-wieder-Titelfavoriten aus München zurück. Alleine diese Differenz ist um 35 Millionen Euro mehr, als der Gesamtmarktwert der österreichischen Bundesliga ausmacht. Zudem verfügen die Sachsen über die jüngste Mannschaft der deutschen Bundesliga. Mag sein, dass die unerbittliche Gipfelhatz wirklich zu früh für sie kommt. Für die nunmehrigen Abgesänge gilt freilich dasselbe.