Als hätte der angekündigte Rückzug von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer nicht für genug Turbulenzen gesorgt, haben die Deutschen nun einen weiteren Rücktritt, den es zu diskutieren gibt. Am Dienstag sorgte eine entsprechende Meldung Jürgen Klinsmanns, der mitten im Abstiegskampf als Trainer von Hertha Berlin w.o. gibt, für Aufsehen in der deutschen Fußball-Öffentlichkeit.

Nach nur zehn Wochen stellte der 55-Jährige mit einer Facebook-Nachricht sein Amt wieder zur Verfügung und traf den Berliner Fußball-Bundesligisten damit völlig unvorbereitet. Klinsmann begründete seinen Entschluss mit fehlendem Vertrauen beim Hauptstadtklub.

"Gerade im Abstiegskampf sind Einheit, Zusammenhalt und Konzentration auf das Wesentliche die wichtigsten Elemente", schrieb der einstige Teamchef Deutschlands und der USA bei Facebook. "Sind die nicht garantiert, kann ich mein Potenzial als Trainer nicht ausschöpfen und kann meiner Verantwortung somit auch nicht gerecht werden." Nun wolle er sich auf seine Aufgabe als Aufsichtsratsmitglied zurückziehen.

Die Hertha war völlig überrascht. "Insbesondere nach der vertrauensvollen Zusammenarbeit hinsichtlich der Personalentscheidungen in der für Hertha BSC intensiven Wintertransferperiode gab es dafür keinerlei Anzeichen", sagte Sport-Geschäftsführer Michael Preetz. Zunächst werde Co-Trainer Alexander Nouri die Mannschaft betreuen.

Profis überrascht - "Es ist alles zu frisch"

Klinsmann hatte das Team und Preetz am Dienstagvormittag informiert. "Es ist alles zu frisch", sagte Nationalspieler Niklas Stark nach dem Training. "Der Trainer kam in die Kabine. Wir dachten, es geht um die Analyse des letzten Spiels. Und dann hat er es uns gesagt. Wir waren völlig überrascht", betonte Mittelfeldspieler Marko Grujic.

Hertha-Investor Lars Windhorst indessen war von Klinsmann nach eigenen Angaben bereits am Montag in Kenntnis gesetzt worden. "Ich bedauere diesen Schritt von Jürgen Klinsmann sehr", sagte der Unternehmer der "Bild"-Zeitung am Dienstag. Windhorst hatte Klinsmann im Herbst des Vorjahres zunächst für einen Posten im Aufsichtsrat der Berliner gewonnen.
Am 27. November hatte Klinsmann dann das Traineramt von Ante Covic übernommen. In seiner Zeit zeigte das Team im Abstiegskampf defensiv orientierten Fußball und stabilisierte sich zumindest. Im DFB-Pokal-Achtelfinale scheiterten die Berliner vergangene Woche allerdings beim FC Schalke 04 und verloren auch in der Liga nach schwacher Leistung mit 1:3 gegen den FSV Mainz 05.

"Wir waren in der relativ kurzen Zeit auf einem sehr guten Weg, haben auch dank der Unterstützung vieler Menschen trotz meist schwieriger Spiele inzwischen sechs Punkte Abstand zum Relegationsplatz", schrieb Klinsmann. Als möglichen Grund für den Rücktritt nannten "Bild" und "Sport Bild" Unstimmigkeiten über seine Trainer-Zukunft bei Hertha nach dieser Saison.

Am Samstag gastieren die Berliner beim Schlusslicht SC Paderborn in einem wegweisenden Spiel für den Abstiegskampf. "Ich bin fest davon überzeugt, dass die Hertha das Ziel - –den Klassenverbleib - schaffen wird", schrieb Klinsmann auf Facebook.

Große Investitionen in Transfers

Noch am Montagabend hatte Klinsmann in einem Facebook-Videochat mit Fans für sein Projekt bei der Hertha geworben und später im Gespräch mit der deutschen Presse-Agentur mindestens Platz 15, also den sicheren Klassenverbleib, am Saisonende versprochen. In der Winterpause hatte Hertha dank Geldgeber Windhorst kräftig auf dem Transfermarkt investiert. Für die vier Profis Santiago Ascacibar, Krzysztof Piatek, Matheus Cunha und Lucas Tousart, der jedoch auf Leihbasis noch ein halbes Jahr bei Olympique Lyon bleibt, blätterte der Hauptstadtklub fast 80 Millionen Euro hin.

Über die Zusammenarbeit mit Windhorst schwärmte Klinsmann noch am Montag bei der dpa-Chefredaktionskonferenz in Berlin. "Ich habe ihn im Oktober zehn Minuten getroffen auf dem Ku'damm in einer Bank auf dem Weg zum Tegeler Flughafen, wir kannten uns vorher nicht. Er hat mir gesagt: Ich brauche dich an meiner Seite, weil ich mich im Fußball nicht auskenne. Du sagst mir, ob ich es richtig oder falsch mache", erzählte Klinsmann. Mit seinem Rücktritt als Trainer hat Klinsmann nun Windhorst und die Hertha in die nächste Notlage gestürzt. (apa/dpa)