Man hat es ja immer schon gewusst: Werbung wirkt, sex sells. Aber Fußball funktioniert. Denn es ist wohl eher nicht eine Langzeitfolge jener schlüpfrigen Kampagne, mit der der FC Getafe vor einigen Jahren für "Nachwuchs" auf den Zuschauerrängen sorgen wollte - in einem schlüpfrigen Kurzfilm wurden Fans zu entsprechenden Aktivitäten aufgefordert, um in den Genen die Begeisterung für den Klub weiterzugeben -, dass der Verein aus der Madrider Vorstadt aktuell zu den größten Attraktionen des spanischen Fußballs zählt und auch international für Schlagzeilen sorgt. Vielmehr ist es Trainer Jose Bordalas seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren gelungen, die damalige Zweitligamannschaft zunächst zu einem Mittelständler der ersten Spielklasse und nun zum ersten Verfolger des Spitzenduos Real Madrid und FC Barcelona zu machen. Vor dem Gastspiel bei den Katalanen am Samstag (16 Uhr) liegt Getafe sieben Punkte hinter Lionel Messi und Co., die ihrerseits drei Zähler Rückstand auf Spitzenreiter Real aufweisen. In der Europa League hat Getafe mit nur einer Niederlage in den Gruppenspielen das Sechzehntelfinale erreicht, in dem in der kommenden Woche das Duell mit Ajax Amsterdam wartet.

Getafe zählt auf Erfahrung: Jaime Mata (l.) ist älter als der Klub selbst. - © afp/Ander Gillenea
Getafe zählt auf Erfahrung: Jaime Mata (l.) ist älter als der Klub selbst. - © afp/Ander Gillenea

Ein Höhepunkt folgt für die Elf von Bordalas, lange zwar immer irgendwie dabei, aber nicht unbedingt mittendrin im Konzert der Allergrößten, also dem anderen - und das im erst 37. Jahr des Klub-Bestehens. Fußballgespielt wird in Getafe freilich schon länger, auch die spätere spanische Trainerikone Luis Aragonés kickte in seinen jungen Jahren einst hier, in der rund 185.000 Einwohner zählenden Stadt rund 15 Kilometer außerhalb des Madrider Stadtzentrums. Der damalige Klub hat freilich mit jenem von heute nichts gemein. Vielmehr entstand dieser erst 1983 durch eine Fusion zweier Vereine, von denen einer selbst ursprünglich als Fanklub des großen Real gegründet worden war. Anders als bei anderen Vereinen aus demselben Einzugsgebiet spielt demnach die Rivalität zwischen den beiden De-facto-Hauptstadtvereinen keine besondere Rolle. Vielmehr werden am Samstag auch Fans Reals Getafe die Daumen halten. Bei einem Sieg des Außenseiters stünden die Chancen für den Spitzenreiter gut, den Vorsprung in der Tabelle im Abendspiel gegen Nachzügler Celta Vigo weiter auszubauen. Wirkliche Gefahr droht von Getafe nicht, dafür ist der Rückstand dann doch zu groß.

Reichlicher
Erfahrungsschatz

Alleine die Tatsache aber, dass der kleine Klub mit den großen Schritt halten kann, ist schon bemerkenswert genug. Zwar gehört Getafe selbst seit 2011 zu 100 Prozent arabischen Investoren - dass das Geld wie Öl sprudelt, könnte man aber anders als bei ähnlichen Eigentümerverhältnissen im internationalen Fußball nicht unbedingt behaupten. Mit einem Marktwert von 177,60 Millionen Euro liegt Getafe nicht nur deutlich hinter Real und Barcelona, deren Kader jeweils mehr als eine Milliarde Euro wert sind, sondern als Elfter in dieser Wertung auch hinter vielen anderen Vereinen in Spanien. In den vergangenen Jahren aber hat Getafe - im deutschsprachigen Raum zur Mitte des vergangenen Jahrzehnts durch das Trainerengagement von Bernd Schuster, das zweimalige Erreichen des Copa-del-Rey-Finales sowie des knappen Viertelfinal-Ausscheidens im Uefa Cup gegen Bayern München 2007/08 zu Bekanntheit gekommen - auch auf dem Transfermarkt investiert. Vor allem Erfahrung wurde in der Vorstadt gesammelt. Das Durchschnittsalter des Kaders, der 15 Legionäre umfasst, liegt bei über 28 Jahren, die drei Toptorschützen Jaime Mata, Angel Rodriguez und Jorge Molina sind zusammen 100 Jahre alt. Letzterer wurde geboren, als der Klub noch nicht einmal aus der Taufe gehoben war. Mittlerweile können sich viele die Liga nicht mehr ohne Getafe vorstellen - was nicht nur an wunderlich wirkenden Werbemaßnahmen liegt.