Es brodelt im deutschen Fußball. Nach den Ereignissen vom Wochenende scheint es nur eine Frage der Zeit, bis die Stimmung überkocht, der Druckkessel explodiert. Zunächst war Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp von Bayern-Fans im eigenen Stadion, aber auch via Fernhass in anderen Arenen des Landes seitens der Fans in einer konzertierten Aktion aufs Übelste beschimpft worden. Schiedsrichter hatten daraufhin Spiele unterbrochen, mit Abbrüchen gedroht und dabei Rückendeckung des Verbandes und gegnerischer Vereinsvertreter erhalten. Manche Anhänger wiederum hatten daraufhin ihre Bereitschaft signalisiert, weiter an der Provokations- und Eskalationsspirale zu drehen. Kurzum: Rund um das DFB-Pokal-Viertelfinale - Saabrücken sicherte sich gegen Düsseldorf sensationell den Aufstieg, Bayern siegte gegen Schalke; Leverkusen gegen Union Berlin (18.30 Uhr) und Frankfurt gegen Bremen am Mittwoch - waren DFB und Liga in höchster Alarmbereitschaft. Passiert ist vorerst nichts, aber zynisch könnte man sagen: Was nicht ist, kann ja noch werden.

Dabei geht es nicht nur um die Frage, welcher Umgang mit Krawallmachern angemessen ist, ob Kollektivstrafen, wie sie etwa Dortmund-Fans erfuhren, die nicht zu den nächsten Auswärtsspielen gegen Hoffenheim reisen dürfen, tatsächlich der richtige Weg sind. Denn über all dem schwebt die Frage, die nicht nur die Deutschen in Zeiten wachsender Kommerzialisierung beschäftigt: Wem gehört der Fußball überhaupt?

Dietmar Hopp ist wider Willen zur Symbolfigur für Kommerzialisierung geworden. - © reuters/Pfaffenbach
Dietmar Hopp ist wider Willen zur Symbolfigur für Kommerzialisierung geworden. - © reuters/Pfaffenbach

Fußball ist für alle da, so lautet die Antwort, die der Weltverband Fifa gerne gibt. Doch sie ist mindestens ebenso geschwindelt wie simpel. Denn ihr gegenüber steht die Formel, wonach derjenige, der das Geld hat, auch derjenige ist, der anschafft. Der Gemengelage nicht genug, befindet sich mittendrin in diesem Spannungsfeld: der Spieler - am unteren Ende der Nahrungskette ausgebeutet und verschachert, am anderen Ende jemand, bei dem in extremis Vertragsbrüchigkeit und Arbeitsverweigerung beim alten Verein noch durch eine satte Millionengage bei einem neuen honoriert wird.

Der Fan wiederum ist es erst, der dem Spiel mit seinen Emotionen Leben einhaucht, der seinen Kindern jene Liebe zum Sport vermittelt, die sie dazu bringt, ihn dereinst vielleicht selbst auszuüben, und der - nicht zuletzt - mit seinen Karten- und Fanartikelkäufen die Klubkassen füllt. Wobei zum einen der bisher rhetorische Satz "Stell dir vor, es ist Fußball, und keiner geht hin" angesichts der coronavirusbegründeten Geisterspiele in manchen Ländern aus dem Reich der Utopie zumindest vorübergehend in die Realität geholt wurde, zum anderen die Eintrittskarten als sprudelndste Einnahmequelle der (Top-)Klubs längst von anderen Bereichen wie Sponsoring (und anderen kommerziellen Quellen) sowie Broadcasting abgelöst wurden.

Betrachtet man die Liste der 20 umsatzstärksten europäischen Fußballklubs, die das Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen Deloitte jährlich in ihrer Football Money League herausgibt und analysiert, fällt auf, dass die Reihung dieser beiden Sparten variiert - zum einen von Land zu Land, zum anderen gemessen am Gesamtumsatz. Während die fünf in dieser Wertung topgereihten Klubs - im Vorjahr Barcelona, Real, Manchester United, Bayern und Paris Saint-Germain - durchschnittlich 49 Prozent ihrer Einnahmen aus Sponsorenverträgen bekommen, sind jene auf den Positionen 16 bis 20 zu 65 Prozent von den Erlösen aus TV- und Medienrechten abhängig.

Allen gemein ist aber, dass das Geld aus Ticketverkäufen eine untergeordnete Rolle spielt - der Fan aber gleichzeitig die Rechnung auch in den anderen Bereichen weitergereicht bekommt, ergo nach Mitsprache verlangt.

Das freilich wollen sie alle: die Medienstationen, derentwegen die Spieltage und Pakete mittlerweile so aufgesplittet sind, dass man einen eigenen Fahrplan braucht, um zu ersehen, was man wo und für wie viel Geld schauen kann; die Sponsoren und Partner, deren Vertreter in entscheidenden Gremien sitzen; und klassische Klubeigentümer, deren Motivlage, ihre Euro in das Produkt Fußball zu stecken, auf der Klaviatur zwischen Gewinnstreben, Egozentrik, Liebhaberei und, in seltenen, aber manchen Fällen vielleicht sogar Altruismus alle Stückerl spielt.

Doch ihre Macht ist begrenzt. Dafür sorgt nicht nur das Financial Fairplay Programm der Uefa, das zuletzt Manchester City mit dem Europacup-Ausschluss für die kommenden zwei Saisonen zum Verhängnis wurde, darauf achten auch die Ligen selbst - allerdings in unterschiedlicher Ausprägung.

In Deutschland etwa gilt, salopp formuliert, das Motto: Trau keinem über 50. Oder, verkürzt wirtschaftsjuristisch ausgedrückt: Die 50+1-Regel besagt, dass es Kapitalanlegern nicht erlaubt ist, die Stimmenmehrheit bei Gesellschaften zu übernehmen, in die Vereine ihre Profimannschaften ausgegliedert haben. Allerdings wurde diese Bestimmung immer wieder aufgeweicht. Die TSG Hoffenheim hat aufgrund des langjährigen Engagements Dietmar Hopps ebenso wie Wolfsburg und Leverkusen eine Ausnahmestellung, gegen die gegnerische Fans immer wieder und zuletzt wieder häufiger und heftiger revoltieren. Auf der anderen Seite indessen werden immer wieder Rufe laut, die Regel ganz fallen zu lassen. Schließlich, so die Argumentation ihrer Gegner, bedeute sie einen Wettbewerbsnachteil gegenüber den Vereinen aus England, die viel Geld durch oftmals ausländische Investoren lukrieren.

Chelseas Roman Abramowitsch ist einer der bekanntesten Klub-Eigentümer weltweit. - © APAweb / afp, Ian Kington
Chelseas Roman Abramowitsch ist einer der bekanntesten Klub-Eigentümer weltweit. - © APAweb / afp, Ian Kington

Während noch nicht klar ist, wie sich der Brexit auf diese Usancen auf der Insel auswirkt, stellt sich die Frage in Österreich nur bedingt. Die Liga ist trotz Wachstum in den vergangenen Jahren, trotz Erfolgen österreichischer Vereine im Europacup schlicht nicht attraktiv genug, um die Roman Abramowitschs dieser Welt - als Chelsea-Eigentümer Synonym für die in den Millenniums-Jahren um sich greifende Praxis - in Scharen Schlange stehen zu lassen. Und man möchte sich nicht vorstellen, was bei einem Verein à la Rapid los wäre, würde ein (ausländischer) Käufer den Klub übernehmen und nach Lust und Laune umkrempeln. Eine eingängige Bestimmung wie "50+1" gibt es hierzulande zwar nicht. Allerdings geben die Lizenzierungsbestimmungen der österreichischen Bundesliga einen ähnlichen Rahmen vor wie in Deutschland.

Voraussetzung für den Erhalt der Spielgenehmigung ist demnach seit einigen Jahren, dass der Verein den Betrieb der Profimannschaft zwecks kontrollierten Wirtschaftens in eine Kapitalgesellschaft ausgegliedert hat - als Lizenzwerber (und Arbeitgeber der Spieler) tritt aber der Verein selbst auf. Dieser muss "beherrschenden Einfluss auf die Gesellschaft haben und über die Mehrheit der Stimmrechte an der Gesellschaft unmittelbar verfügen", wie es in 4.4.2.5 des Lizenzierungshandbuchs heißt - womit wiederum den Mitgliedern entscheidender Einfluss zusteht. Oder, wie es deutsche Fangruppen im Vorjahr im Rahmen der Petition unter dem Slogan "die 50+1-Regel muss bleiben!" formulierten: "Der Fußball gehört keinen Einzelpersonen, Unternehmen oder Investoren. Er gehört uns allen." Wie er aber aufgeteilt wird, darüber scheiden sich die Geister weiterhin.