Stell dir vor, es ist Fußball, und keiner geht hin. Was vor einigen Wochen, also in der Prä-Cornovirus-Sars-CoV2-Ära, noch ein schlagkräftiges Argument mancher Fangruppierungen war, wirkt in Zeiten wie diesen wie blanker Zynismus. Denn während Geisterspiele, also Spiele ohne Zuschauer wie etwa beim Achtelfinal-Hinspiel der Europa League des LASK gegen Manchester United am Donnerstag (18.55 Uhr/Puls 4 und Dazn), mittlerweile in Europa aufgrund der Sorge vor einer Verbreitung des Coronavirus Sars-CoV2 großflächig Usus sind, werden mittlerweile in einigen Ländern – so auch in Österreich – ganze Meisterschaftsrunden verschoben.

Mit dieser Maßnahme reagierte die österreichische Bundesliga am Dienstagnachmittag auf den am selben Tag bekannt gegebenen Erlass der Bundesregierung, wonach Outdoor-Veranstaltungen ab 500 Teilnehmern (Indoor ab 100) untersagt sind. Es sei "nicht Sache der Bundesregierung", zu entscheiden, ob betroffene Veranstaltungen ganz abgesagt oder ohne Zuschauer ausgetragen werden, hatte Bundeskanzler Sebastian Kurz im Beisein der Minister für Inneres und Gesundheit, Karl Nehammer beziehungsweise Rudolf Anschober, betont. Dies obliege den zuständigen Organisatoren. Sie hätten zu entscheiden, "wo es Sinn macht, auf Übertragungen zu setzen", wie Kurz ausführte.

Die Mannschaft von Valerien Ismael darf zum Spiel des Jahres keine Zuschauer empfangen. - © APAweb / expa, Reinhard Eisenbauer
Die Mannschaft von Valerien Ismael darf zum Spiel des Jahres keine Zuschauer empfangen. - © APAweb / expa, Reinhard Eisenbauer

Während die Europacup-Teilnehmer nolens volens lieber auf Zuschauer denn auf die Einnahmen durch die Uefa verzichten - eine eigenmächtige Spielverschiebung wäre kaum durchzusetzen -, entschied sich die Bundesliga im Einvernehmen mit den Klubs der obersten beiden österreichischen Spielklassen für den anderen Weg. Demnach sollen die kommenden beiden Runden - Rapid wäre zum Auftakt der Meistergruppe am Sonntag auf Salzburg getroffen - ausgesetzt und zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden.

Bundesliga-Vorstand Christian Ebenbauer hatte schon davor auf die "organisatorischen und wirtschaftlichen Herausforderungen" für die Vereine verwiesen und betont, dass Geisterspiele für ihn das letzte Mittel der Wahl wären. Schon davor hatten sich Klubvertreter, vor allem Rapids Wirtschaftsvorstand Christoph Peschek, für eine Verlegung der kommenden Spiele auf Ersatztermine im April und Mai ausgesprochen. Bereits gekaufte Tickets behalten ihre Gültigkeit. Noch ist freilich unklar, ob und wann die Spiele nachgetragen werden können.

Die Verschiebungen, die es nicht nur in Österreich, sondern auch in Italien, der Schweiz und anderen europäischen Ländern gibt beziehungsweise geben wird, wenn die Situation sich nicht überraschend schnell bessert, bringen indessen auch die Fußball-Konföderation Uefa in die Bredouille. Denn nach derzeitigem Stand ist eine plangemäße Durchführung der ersten paneuropäischen EM von 12. Juni bis 12. Juli nicht nur aufgrund gesundheitlicher Sorgen in einigen der zwölf austragenden Ländern - darunter auch Italien - eher unwahrscheinlich. Es läuft schlichtweg auch die Zeit davon. Nationale Verbände und Ligen befürchten, dass sie ihre Meisterschaftsbewerbe schlichtweg nicht rechtzeitig bis Mitte Mai beenden können, um noch genügend Zeit zur Regeneration und EM-Vorbereitung zu haben, und haben den Druck auf Uefa-Präsident Aleksander Ceferin erhöht.

"Sie wissen nicht, wie viele Sorgen wir haben, Sicherheit, politische Stabilität, Virus. Wir kümmern uns darum"

Uefa-Chef Aleksander Ceferin

Die Uefa vermied allerdings bisher eine klare Positionierung zur Causa Prima und übte sich stattdessen in Beschwichtigungstaktik. Die EM werde am 12. Juni beginnen, hieß es am Dienstag in einer knappen Stellungnahme. "Sie wissen nicht, wie viele Sorgen wir haben, Sicherheit, politische Stabilität, Virus. Wir kümmern uns darum, und wir sind zuversichtlich, dass wir damit umgehen können", hatte Ceferin schon vergangene Woche nach dem Uefa-Kongress in Amsterdam gesagt. Generalsekretär Theodore Theodoridis sprach von "verschiedenen Szenarien", von einem möglichen Ausfall des Turniers wollte aber freilich auch er nichts wissen.

Deutschlands Liga-Chef Christian Seifert sprach am Montag von "einer Ausnahmesituation". Eine Spielpause in der Bundesliga über den Sommer hinaus sei jedoch "illusorisch". Diesbezüglich will sich die DFL aber mit dem DFB und der Uefa austauschen, ob eine Verlagerung von Ligaspiele bis Ende Mai theoretisch möglich sein könnte.

Dies würde auch die Vorbereitung von Österreichs Team treffen, das zum Großteil aus Spielern der deutschen Liga besteht. Durch eine Verlegung der EM in den Sommer 2021 würden indessen andere Fußball-Wettbewerbe tangiert werden. Das Kontinentalturnier würde mit der erstmals geplanten Fifa-Klub-WM mit 24 Teams in China kollidieren. Dort indessen hat man schon leidvolle Erfahrungen mit dem Virus und dem Stillstand des öffentlichen Lebens gemacht.