Der Fußball ist ein zähes Ding. Ob Weltkriege, Weltwirtschaftskrisen, Atomkatastrophen oder Revolutionen - seit seinen Anfängen im 19. Jahrhundert ließen sich die organisatorischen wie sportlichen Strukturen, aus denen der Fußballbetrieb gestrickt ist, selten durch ein Ereignis von noch so großer Tragweite erschüttern. Und Österreich bildete hier keine Ausnahme, alles schließlich schon da gewesen. Bis das Auftreten des Coronavirus die Fußballwelt hierzulande und auch im Rest der Welt auf den Kopf stellte und den Ball allerorten für einige Zeit einmal ruhen lässt. Wie lange, ist schwer zu sagen, bis zu drei oder vier Monate, heißt es, wobei das schlimmste Szenario, ein Abbruch der Meisterschaft, nach wie vor im Raum steht.

So etwas hat es in der Geschichte des österreichischen Fußballs noch nie gegeben, mit einer Ausnahme freilich: der Saison 1944/45, deren abruptes, kriegsbedingtes Ende sich übrigens in diesen Tagen zum 70. Mal jährt. Die Zähigkeit, mit der die NS-Funktionäre den Spielbetrieb der mittlerweile auf Wien beschränkten Gauliga bis zum letzten Tag aufrechterhielten, löst bei heutigen Beobachtern noch Abscheu aus. Von Absagen oder Aussetzungen liest man in den verfügbaren Quellen wenig, in den Zeitungen dominierten vielmehr Durchhalteparolen wie: "Wiener Fußballsport lebenskräftig", oder: "Der Fußball rollt weiter". Weder Fliegeralarme, Bomben oder die alltägliche Not hielten die Führer des Nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibesübungen (NSRL) davon ab, eingebunkert in ihrer Zentrale in der Wiener Berggasse, den Vereinen den nächsten Aufmarsch auf den Sportplätzen der Stadt zu diktieren.

Ab 1938 hieß das Nationalteam "Ostmark", die Saison 1937/38 wurde trotz "Anschluss" noch ausgespielt. Matthias Sindelar war bis zu seinem Tod einer der größten Stars. - © apa/Sepp Graf
Ab 1938 hieß das Nationalteam "Ostmark", die Saison 1937/38 wurde trotz "Anschluss" noch ausgespielt. Matthias Sindelar war bis zu seinem Tod einer der größten Stars. - © apa/Sepp Graf

Am 14. März 1945 etwa ließ der NSRL die Fußballspieler über den "Völkischen Beobachter" ausrichten, dass bei Fliegeralarm Spiele nur dann abzubrechen seien, "als nach dem Alarm Feindtätigkeit (Bombenabwurf im Stadtgebiet) eingetreten ist". Und noch am 5. April meldete die "Kleine Wiener Kriegszeitung" in einer Notiz: "Am 8. April will man die an den beiden Ostertagen ausgefallenen Meisterschaftsspiele der Gauklasse nachtragen. Die Einzelheiten des Spielprogramms werden noch bekanntgegeben." Zu diesem Zeitpunkt stand die Rote Armee bereits tief in Wien und hat Karl Renner im niederösterreichischen Hochwolkersdorf mit der russischen Führung Kontakt aufgenommen. Die verschobenen Spiele fanden nicht mehr statt, wenig später war auch das NSRL-Büro in der Berggasse verwaist.

Die "Kriegsmeisterschaft 1944/45" war damit noch vor Saisonende Geschichte, die Meistertrophäe blieb im Regal. Vom Jahr 1945 abgesehen, wurden in Österreich sonst sämtliche Meisterschaften ausgespielt. Auch die Saisonen 1918/19 und 1937/38, deren Verlauf durch politische Umbrüche - Ende des Ersten Weltkriegs und "Anschluss" Österreichs ans Deutsche Reich - erschüttert wurden. In beiden Fällen wurde kein einziges Spiel verschoben oder ausgesetzt. Während die Nazis den Vereinen gestatteten, die laufende österreichische Meisterschaft noch bis Ende Juni 1938 fertig zu spielen - Meister wurde SK Rapid Wien, Torschützenkönig Franz Binder -, kickten die ehemals kaiserlichen Klubs 1918 in einer Übergangsliga munter weiter. Selbst am Tag des Waffenstillstands (3. November) sowie an dem der Abdankung von Kaiser Karl eine Woche später fanden Meisterschaftsspiele wie geplant statt.

So ging es auch unter republikanischen Vorzeichen weiter.

Maul- und Klauenseuche 1973

Wenn es in der langen Geschichte des österreichischen Fußballs eine Bedrohung gab, die den Betrieb längerfristig lahmlegen konnte, so waren (und sind) dies immer gesundheitliche. Und damit ist nicht etwa die Atomreaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 gemeint. Zwar waren damals Aufenthalte und Aktivitäten im Freien (Fußballspielen) verboten, allein die erste Division spielte ohne Unterbrechung weiter. Etwas anderes war es 13 Jahre früher: Im Mai 1973 verursachte nämlich schon einmal ein Virus - die auf Tiere beschränkte Maul- und Klauenseuche - eine Einschränkung der Meisterschaft in der höchsten Spielklasse. Nachdem sich die Seuche im Nordburgenland und in Niederösterreich ausgebreitet hatte, verordneten die Behörden am 13. Mai 1973 eine Absage sämtlicher Spiele von Admira und SC Eisenstadt. Zu dem Zeitpunkt waren 24 von 30 Runden gespielt, beide Teams durften erst ab 12. Juni wieder in die Meisterschaft einsteigen und ihre Spiele im Sommer nachtragen.

Ein Nutznießer dieser Situation war übrigens der SK Sturm Graz, der eigentlich hätte absteigen sollen. Weil aber die Meisterschaft durch die Verschiebungen unter irregulären Verhältnissen beendet worden war, legten die Steirer Protest ein - und wurden auch prompt erhört. Der Verband sah von einem Abstieg ab. Sollte die laufende Meisterschaftssaison in Österreich bis Juli verlängert werden - die Verschiebung der Europameisterschaft um ein Jahr macht dies möglich -, so ist zumindest hier die Gefahr eines "irregulären Meisterschaftsendes", zumal dann alle Klubs von den Verschiebungen betroffen sind, gebannt. Aber auch das wäre kein Novum.