Es ist noch nicht lange her, genau ein Monat und drei Tage. Und doch scheint es eine Ewigkeit zu sein, die seither vergangen ist. Denn damals, das war zwar nicht die Prä-Corona-Zeit, schließlich hatte das Virus weite Teile der Welt bereits im Griff und sich auch schon gen Österreich ausgebreitet, doch es war eine Zeit, in der man Ausmaß und Konsequenzen der Pandemie hierzulande erst nach und nach zu begreifen begann.

Damals, das war der 10. März 2020. Die Regierungsspitze hatte erste Maßnahmen zur Eindämmung verkündet und beispielsweise ein Verbot von Veranstaltungen mit mehr als 500 Menschen verhängt. Noch am selben Tag beschloss die österreichische Fußball-Bundesliga, dass die folgenden beiden Runden in erster und zweiter Spielklasse ausgesetzt würden. "Wir wollen Spiele mit Zuschauern, sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus Stimmungsgründen und vor allem im Sinne der sportlichen Fairness", sagte Ligavorstand Christian Ebenbauer. Deshalb, führte er weiter aus, habe man sich "in einem ersten Schritt für eine Verschiebung und gegen mögliche Geisterspiele entschieden".

Doch der Spuk hielt an - und das Szenario von Spielen ohne Zuschauer hat längst ihren Schrecken verloren. Mittlerweile erscheint es ohnehin die einzige Möglichkeit, die Saison, die abrupt nach dem Grunddurchgang unterbrochen worden war, noch zu einem Ende zu bringen, wie es auch die klare Vorgabe der kontinentalen Konföderation Uefa ist.

Während etwa Belgien sich zu dem radikalen Schritt entschieden hat, die Meisterschaft zu beenden - was jüngst nach Drohungen der Uefa relativiert wurde -, setzen die meisten europäischen Ligen darauf, unter den neuen Bedingungen irgendwie weitermachen zu können. In Deutschland wird bereits wieder in Kleingruppen trainiert, in England werden Pläne, die noch ausstehenden Spiele zentral an den beiden Spielorten Wembley und St. George’s Park in Burton upon Trent/Staffordshire und mit mehreren Partien pro Tag buchstäblich über die Runden zu bringen, immer konkreter. In Österreich werden für diese Woche die nächsten Weichenstellungen erwartet. Am Mittwoch tagt das Präsidium des Österreichischen Fußballbundes ÖFB, das über das Cupfinale, den Amateur- und Frauenbereich sowie eine mögliche Wertung der Meisterschaft im Falle eines Abbruchs zu entscheiden hat, am Donnerstag dann die Bundesliga.

Privilegierte Stellung

Das Gros ihrer Klubs hat sich bereits für Geisterspiele ausgesprochen, zum einen aus Gründen der Sportlichkeit, zum anderen freilich auch der Finanzen wegen. Wenn schon die Spieltageinnahmen ausbleiben, soll der Euro zumindest bei den TV-Geldern rollen. Als weitere Argumente führen die Befürworter an, man müsse notfalls "mit Spielen ohne Publikum dafür sorgen, dass es künftig Strukturen dieser Art gibt", wie Austria-Sportvorstand Peter Stöger meint. Denn, so warnt Stöger: "Wenn sich die Lage in den nächsten Monaten nicht ändert, wird es den Profibetrieb so nicht mehr geben."

Zudem sehen viele, wie Salzburgs Sportdirektor Christoph Freund, auch einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen durch den Unterhaltungsfaktor. "Fußball steht sicher nicht über der Gesundheit", betonte er zwar in der ORF-Sendung "Sport am Sonntag". Er sei aber "überzeugt, dass wir der Gesellschaft und den Fans in dieser schwierigen Zeit am meisten geben, wenn wir sie unterhalten können".

Doch genau diesem Argument können Kritiker wenig abgewinnen. Wenn Spielplätze geschlossen sind, der wirtschaftlich wesentlich gefährdetere Amateurbereich weiterhin zum Stillstand gezwungen ist - eine solche Entscheidung des ÖFB-Präsidiums am Mittwoch wird erwartet -, würde sich der Profibereich auf seine privilegierte Stellung zurückziehen, heißt es. Ein weiteres, ähnlich gelagertes Problem würde bei den zwangsläufig sowohl für Spieler als auch für Betreuer notwendigen Testungen auftreten: Während der Rest der Bevölkerung mitunter wochenlang auf Gewissheit wartet, ob man nun Sars-CoV2-positiv ist oder nicht, müsste man die Tests für die Akteure sowohl im Training als auch vor Spielen wie selbstverständlich bereitstellen - ebenso für Schiedsrichter, für die die sonstigen Regularien wohl auch überarbeitet werden müssten.

Um sich abzusichern, hat der ÖFB vorerst ein juristisches Gutachten in Auftrag gegeben, das möglichst noch am Dienstag, spätestens am Mittwoch vorliegen sollte. Auf dessen Grundlage sollen dann in den Videokonferenzen am Mittwoch und Donnerstag die weiteren Beschlüsse erfolgen. Die Weichenstellungen fallen also nicht einmal am grünen Tisch; sondern via Bildschirmen. Auch das hätte man sich vor wenigen Wochen so noch nicht erwartet. Es war die Prä-Corona-Ära. Sie scheint auch in puncto wichtigster Nebensache der Welt weit weg.