Die – freilich virtuelle - Pressekonferenz Red Bull Salzburgs beginnt mit einiger Verspätung. Zeit und Raum haben ohnehin an Bedeutung verloren in den vergangenen Wochen, da geht es den Fußballern nicht anders als den Otto-Normal-Isolierten. Und wie diese sind auch Erstere von den sich daraus ergebenden Problemchen des erst langsam erarbeiteten neuen Alltags nicht verschont geblieben. "Normalerweise ist der Tagesablauf bei uns klar durchgetaktet. Als das weggefallen ist, ist es mir am Anfang schon schwergefallen, pünktlich aufzustehen", erzählt Max Wöber.

Wöber ist Abwehrspieler des österreichischen Serienmeisters und aktuellen Tabellenzweiten. Zuletzt ging es aber nicht um die Abwehr gegnerischer Stürmer, sondern eines fürs freie Auge unsichtbaren Feindes, des Coronavirus Sars-CoV2. Und der war auch der Grund, warum Ball und Trainingsbetrieb still standen in den vergangenen fünf Wochen.

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Doch als Wöber es sagt, hat sich bereits etwas geändert. Die Zahl der in Österreich amtlich bekundet mit dem Virus Infizierten wächst schon länger nicht mehr exponentiell, ihre Stabilisierung hat die Bundesregierung in den vergangenen Wochen zu stufenweisen Lockerungen der anfangs vergleichsweise strengen Eindämmungsmaßnahmen veranlasst. Seit voriger Woche dürfen neben den Geschäften zur Deckung der Grundbedürfnisse auch Bau- und Gartencenter sowie kleinere Geschäfte ihre Türen öffnen, Mitte Mai kommen, wie heute bekannt wurde, Lokale und sogar Bars dazu. Und irgendwo mittendrin, gesellschaftlich angesiedelt zwischen Grundbedürfnis und Hedonismus sozusagen, steht der Sport; er soll schließlich zur Gesundheit und Unterhaltung beitragen, und er ist ein Wirtschaftsfaktor. Seit Montag dürfen Profisportler unter strengen Auflagen wieder trainieren, ab 1. Mai öffnen diverse Anlagen im Freien in Sportarten, in denen man ohne Körperkontakt auskommt, auch für Hobby- und Breitensportler.

Fußballplätze für Amateure bleiben freilich geschlossen, ohne Körperkontakt geht es nicht. Die Bundesligisten aber - und mit ihnen der zweitklassige Cupfinalist Austria Lustenau - durften am Montag das Training unter strengen Auflagen, mit vorangehenden Testungen und in vorab definierten Kleingruppen à sechs Personen das Training wieder aufnehmen. Tabellenführer Lask tat dies als erstes am Montag, am Dienstag folgten Rapid und Salzburg, ab Mittwoch sind die Austria und andere dran.

Die Regierung hat prinzipiell grünes Licht für die Durchführung von Geisterspielen gegeben, die ein reguläres Ausspielen der Meisterschaft und Einnahmen via TV ermöglichen. Zudem soll der Fußball auf diesem Weg zumindest ein bisschen Unterhaltung und Abwechslung in die Wohnzimmer der Österreicherinnen und Österreicher bringen. "Der Fußball kann hier einen wichtigen Part einnehmen, er kann den Leuten Spaß und Emotionalität vermitteln", sagt Salzburgs Sportdirektor Christoph Freund. "Dass wir jetzt wieder trainieren können, ist ein erster, kleiner Schritt zur Normalität."

Diese Normalität sieht freilich auch bei Salzburg anders aus als sonst. Die Pressekonferenz findet ohne physisch anwesende Medienvertreter statt, selbst Freund, Trainer Jesse Marsch und Wöber sitzen nicht gemeinsam an einem Pult. Die ersteren beiden sind in ihren jeweiligen Büros, Wöber befindet sich nach wie vor auf dem Rasen, von dem er sich, so scheint es, gar nicht mehr trennen will. Und doch huscht sie, die Normalität, auch hier vorbei, diesmal in Form einer Gerätschaft im Hintergrund. "Wart‘, da kommt der Rasenmäher", sagt Wöber.

"Zamschneiden kann ich ja ohne Kontakt keinen. Aber das wird auch noch kommen"

Maximilian Wöber

Wie er den Vormittag in einem Wort zusammenfassen würde, und worüber er sich am meisten gefreut habe, wird er von einem der vor den Laptops sitzenden Journalisten gefragt. Es sind Fragen wie diese, die zur Klischeebildung für die Branche beigetragen haben. An Tagen wie diesen aber will man die Antwort hören, in all ihrer vermeintlichen Banalität. "In einem Wort würde ich sagen: befreiend", sagt Wöber. Und: "Am meisten gefreut habe ich mich darüber, ein Tor zu schießen. Weil zamschneiden kann ich ja ohne Kontakt niemanden. Aber ich bin sicher, das wird auch noch kommen."

Was da sonst noch im Fußball kommen mag, versuchen Freund und Marsch zu umreißen. Beide sind optimistisch, dass bald auch wieder Spiele ausgetragen werden können, wenn auch ohne Stadionbesucher. Neben dem gesellschaftlichen Nutzen spricht Freund auch die wirtschaftliche Komponente an. "Unsere Branche hat nur eine Chance, wenn wir Fußball spielen. Wir wollen, dass wir in den Medien präsent sind, wir wollen, dass über uns gesprochen wird. Wenn wir – gerade als kleine Liga - zusammenhalten und gemeinsam Lösungen finden, Ideen haben, über die wir bisher noch gar nicht nachdenken mussten, kann das auch für etwas gut sein", sagt er.

Marsch wiederum glaubt, dass "in zwei, drei Wochen" Mannschaftstraining möglich sein könnte. "In ein oder zwei weiteren Wochen, denke ich, können wir auch spielen", sagt er. Genau kann das allerdings noch niemand sagen. Geklärt werden müssen Fragen wie, ob es nach dieser langen Pause Testspiele braucht, wie die anderen Tests – jene auf Coronaviren oder Antikörper – ablaufen und bezahlt werden, und was im Fall des Ansteckungsfalles passiert. "Schließlich kann uns diese Situation noch länger erhalten bleiben, da müssen wir Konzepte entwickeln, die einerseits haltbar sind, die man andererseits aber auch immer auf die Situation adaptieren kann", meint der Sportchef.

Die Bundesliga-Klubs sind ständig sowohl untereinander als auch mit ausländischen Vereinen und Ligen in Kontakt, um Erfahrungen auszutauschen. Ende dieser Woche will die österreichische Bundesliga über den weiteren Fahrplan in Österreich informieren. Verspätung ist freilich auch hier nicht ausgeschlossen.