Der Fußball gilt gemeinhin als eines jener Elemente, die die in vielen Bereichen zersplitterte Gesellschaft Brasiliens zusammenhalten. Doch nun bekommt auch dieser Kitt Risse. Denn nachdem Präsident Jair Bolsonaro, der nicht viel vom Herunterfahren der Wirtschaft angesichts der Coronavirus-Pandemie hält, zuletzt mehr und mehr darauf gedrängt hat, den Spielbetrieb wiederaufzunehmen, regt sich nun Widerstand - ausgerechnet aus den Reihen des Fußballs selbst. 15 Spieler von zehn verschiedenen Vereinen veröffentlichten ein Video, in dem die Verantwortlichen dazu aufgerufen werden, ihn in ihren Planungen nicht vor die allgemeine Gesundheit zu stellen. "Die Brasilianer lieben Fußball und wollen ihn zurückhaben, uns geht es da genauso. Wir sind alle dafür, wieder zu arbeiten, aber wir müssen über die Gesundheit aller nachdenken", hieß es in einer Aussendung.

Noch deutlicher wurde Ex-Profi Giovane Elber in einem Interview mit den deutschen Zeitungen "Münchner Merkur" und "tz". "Die Situation hier macht mir wirklich Angst. Obwohl schon sehr viele Menschen gestorben sind, sollen die Geschäfte wieder geöffnet werden", sagte der in Deutschland populäre ehemalige Bayern-Stürmer.

Präsident Jair Bolsonaro hat sich für einen baldigen Anpfiff ausgesprochen. - © afp/E. Sa
Präsident Jair Bolsonaro hat sich für einen baldigen Anpfiff ausgesprochen. - © afp/E. Sa

Dem 47-Jährigen gehe es mit seiner Familie in seiner Heimatstadt Londrina zwar gut, weil sie genug Geld und ein großes Haus inklusive Schwimmbad, Fitnessraum und Beachvolleyballfeld hätten, führte er aus. "Aber andere Menschen wissen nicht, was sie morgen essen können. Das macht mich sehr traurig", betonte Elber. Tatsächlich hat die Corona-Krise die Probleme im Land verschärft - was die Popularität des rechtspopulistischen Präsidenten zuletzt schwinden und ihn, unter anderem, in politische wie juristische Auseinandersetzungen schlittern ließ. Die (bestätigten) Infektionszahlen haben die Marke von 100.000 überschritten, mehr als 7000 Menschen sind bereits mit dem Virus gestorben. Das Gesundheitssystem ist nahe am Kollabieren, und Hilfe in den Favelas gibt es kaum.

Der Fußballverband hatte schon im März alle Aktivitäten ausgesetzt, Bolsonaro daraufhin von "Hysterie" gesprochen. Die Profikicker, die sich nun zu Wort meldeten, dürften das wohl anders sehen.(art)