Während in Berlin und anderen Städten des kollabierenden Dritten Reiches noch gekämpft wurde, zogen sich in Wien die ersten Fußballer wieder ihre Dressen über. Bereits am 1. Mai 1945 hatten die Wiener, nach einmonatiger Pause, wieder Gelegenheit zum Fußballschauen gehabt - und das, ohne die Gefahr eines Fliegerangriffs fürchten zu müssen. Aus Sicht vieler Österreicher mag dieses erste Spiel der Fast-Nachkriegszeit tatsächlich so etwas wie Länderspielcharakter gehabt haben, auch wenn das zusammengewürfelte, rot-weiß-rote Amateurteam lediglich gegen eine Auswahlmannschaft der sowjetischen Armee angetreten war.

Die Botschaft jedenfalls wurde von allen verstanden: Mit dem Nationalsozialismus und den Deutschen war man fertig. So verlauteten es auch die Medien. "So baut der Sport Brücken der Verständigung von Volk zu Volk", schrieb die "Österreichische Zeitung" in ihrer Ausgabe vom 9. Mai 1945 und kündigte die "Wiedereinrichtung des österreichischen Sports" sowie die Ausrichtung der ersten Wettkämpfe im Bereich des Fußballs, Tennis, Turnens und Boxens an. Die Organisation wurde einer eigenen "Zentralstelle" in Wien übertragen, die sich darüber hinaus auch gleich um die Entnazifizierung des Sports kümmern sollte. Dazu heißt es in dem Zeitungsbericht unmissverständlich: "Die erste Aufgabe dieser Zentralstelle ist die gründliche Reinigung des österreichischen Sports von allen braunen Elementen. Die Steigbügelhalter der Nazi müssen restlos verschwinden."

Wobei, so heiß gegessen wie gekocht wurde diese Suppe dann doch wieder nicht. Immerhin wurde, um den Spielbetrieb aufnehmen zu können, jeder verfügbare Fußballer gebraucht. Zumal sich auch zahlreiche ehemalige Kicker in Kriegsgefangenschaft befanden oder vermisst wurden. Außerdem existierte lang keine klare gesetzliche Regelung - und wo kein Kläger, da auch kein Richter. Für die Sportvereine und Verbände war daher die Motivation, in den eigenen Reihen auf Nazi-Jagd zu gehen, denkbar gering. Die Normalisierung des Spielgeschehens wie auch der Aufbau von Strukturen schienen da wichtiger. So wurde etwa bereits Mitte August das erste Spiel der österreichischen Nationalmannschaft gegen Ungarn in Budapest vor 40.000 Zuschauern ausgerichtet. Zwei Monate später kam es zur Neugründung des österreichischen Fußball-Bundes ÖFB, dessen Leitung Staatssekretär Josef Gerö übernahm, und Anfang Dezember wurde Österreich wieder Mitglied des Welt-Fußballverbandes Fifa. Dementsprechend ließ auch die erste nationale Meisterschaft, die in Wien ab September ausgespielt wurde und an der zwölf Klubs teilnahmen, nicht lange auf sich warten.

Mit der Entnazifizierung richtig los ging es erst 1946, etwa als im März gesetzlich festgelegt wurde, dass Personen mit nationalsozialistischer Vergangenheit keine Funktionärstätigkeit ausüben durften. Bei den Spielern zeigte man sich hingegen kulanter. So wurde hier nur ein einziger Fußballer, der Rapidler Fritz Durlach, 1948 wegen "Beteiligung an Folterungen von sogenannten Wehrkraftzersetzern" zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt.

Mythos Córdoba?

Im Gegensatz dazu kamen jene, die etwa Mitglied bei der SA waren - was viele später als erzwungene Beförderung bezeichneten - oder vom NS-System oder der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung profitierten, teils ungeschoren davon. Selbst glühende Nationalsozialisten wie Hans Mock ließ man weitgehend unbehelligt. Viele passten sich eben an die neue Politik an, die Parteimitglieder bei Rapid etwa taten dies auch nach eigenen Angaben, um den Verein zu schützen.

Dennoch wurde die Täterrolle, wie auch in vielen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, in eine Opferrolle umgewandelt. So kam etwa auch ÖFB-Chronist Leo Schidrowitz 1951 in einer von ihm verfassten Publikation über die Geschichte des österreichischen Fußballs zu dem Schluss, dass der heimische Fußball vor allem Opfer des Nationalsozialismus gewesen sei. Dass Schidrowitz Jude war und im März 1938 aus Wien fliehen musste, machte diese These nicht unbedingt weniger glaubwürdig, im Gegenteil.

Einen späten sportlichen Ausschlag dieses Opfermythos mögen manche auch im Mythos von Córdoba sehen, als das ÖFB-Team bei der WM 1978 erstmals nach 47 Jahren wieder eine deutsche Elf bezwang. Die emotionale Reaktion des Kommentators Edi Finger ist heute legendär. Selbst der Wiener Bürgermeister Michael Häupl betitelte 20 Jahre später diesen Sieg als "Rache für Königgrätz". Ohne kriegerische Reminiszenz scheint Österreichs Fußball offenbar nicht ganz auszukommen. Es muss ja nicht immer 1945 sein.