Österreichs Fußball-Bundesliga steht heute, Donnerstag, vor einer richtungsweisenden außerordentlichen Hauptversammlung. In der Video-Konferenz geht es um nicht weniger als um die Zukunft des heimischen Profi-Fußballs. Sollte der wegen der Coronavirus-Pandemie pausierende Meisterschafts-Betrieb nicht bald gestartet werden können, dürften zahlreiche Klubs in existenzbedrohende Not geraten. Hoffnung macht die Entscheidung aus Deutschland vom Mittwoch, wonach der Profibetrieb wieder aufgenommen werden darf. Ab der zweiten Mai-Hälfte, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch, könnte der Ball wieder rollen. In Österreich will die Bundesliga nach der Hauptversammlung am späteren Nachmittag in einer Pressekonferenz die weiteren Schritte bekanntgeben. Der Beginn ist für 17 Uhr (ORF Sport+) geplant, kann sich aber noch nach hinten verschieben.

Deutschland drückt aufs Tempo

Die deutsche Liga drückt indessen aufs Tempo. Nachdem sich die Spieler und Betreuer bereits in Quarantäne begeben haben, soll der Ball schon am 15. Mai wieder rollen. Noch vor der heutigen Mitgliederversammlung hat sich das Präsidium auf den Neustarttermin festgelegt.

Österreichs Bundesliga-Vorstand Christian Ebenbauer blickt mit Sorge auf die Forderungen der heimischen Politik. - © APAweb / Georg Hochmuth
Österreichs Bundesliga-Vorstand Christian Ebenbauer blickt mit Sorge auf die Forderungen der heimischen Politik. - © APAweb / Georg Hochmuth

"Nach Abwägung aller Argumente" habe sich der Dachverband für diesen Termin entschieden, heißt es in einem Schreiben an die 36 Klubs der 1. und 2. Liga, aus dem der "Kicker" zitierte.

Doch diese rasche Wiederaufnahme des Spielbetriebs nach nur wenigen Tagen Mannschaftstraining stößt nicht auf ungeteilte Zustimmung. "Im Sinne der Integrität des Wettbewerbs werben wir dafür, die Saison erst nach einem zweiwöchigen Mannschaftstraining wieder zu beginnen", hatte Werder Bremens Fußball-Geschäftsführer Frank Baumann vor der DFL-Entscheidung gesagt und den 23. Mai als Wunschtermin für den Re-Start genannt. Ähnlich hatte sich der Vorstandsvorsitzende des FSV Mainz 05, Stefan Hofmann, geäußert.

Baumgartlinger: Und dann kam der Neid...

Doch die DFL versicherte, sie habe sich längst "mit denkbaren Terminen für die Saisonfortsetzung eingehend beschäftigt". Und sie darf sich wohl der Mehrheit der Clubs mit dem Votum für den 15. Mai sicher wähnen. "Es gibt keinen Grund dafür, länger zu warten", sagte RB Leipzigs Geschäftsführer Oliver Mintzlaff. Auch Bayer Leverkusens Sportchef Simon Rolfes versicherte, es seien "alle in der Lage", schon am Wochenende um den 16. Mai wieder zu spielen.

Einer seiner Spieler, der österreichische Teamkapitän Julian Baumgartlinger, sieht den Neustart grundsätzlich positiv. Natürlich gebe es "auch wichtigere Bereiche, die funktionieren sollten", sagte er im Gespräch mit der Austria Presse Agentur. "Viele sind aber schon seit Wochen wieder dabei, ihre Tätigkeiten aufzunehmen. Der Fußball hat wie alle anderen versucht Rahmenbedingungen zu schaffen, dass er weitermachen kann. Weil er gerade in Deutschland eine gewisse Strahlkraft hat, ist klar, dass mehr darüber geredet wird als über andere Bereiche. Der Fußball polarisiert viel mehr, bekommt daher aber auch Gegenwind."

Man müsse die Lage aber in ihrer Gesamtheit betrachten, sagte der 32-jährige Salzburger. "In den ersten Wochen der Krise gab es eine Solidarität in der Gesellschaft, die ich großartig gefunden habe. Es hat dann aber relativ schnell begonnen, dass wir uns gegenseitig wieder alles neiden. Wer darf was? Dürfen wir unsere Kinder wieder in den Kindergarten oder in die Schule bringen?" Er selbst freue sich "über jeden, der gut durch die Krise und schnell wieder in seinen normalen Arbeitsalltag kommt. Wenn es verantwortungsvoll geht, soll jeder wieder starten. Und der Fußball tut sehr viel dafür."

In Österreich ist man dagegen noch nicht so weit wie in Deutschland. Zwar ist das Signal aus dem Nachbarland positiv, die Liste der Themen, die heute gesprochen werden muss, aber lang. Diskutiert wird etwa über das Geisterspiel-Konzept, den TV-Vertrag, die Oberhaus-Aufstockung oder die Aufweichung des Lizenzierungsverfahrens. Über alldem steht die Frage, ob bei einem positiven Corona-Test die gesamte betroffene Mannschaft und eventuell sogar das gegnerische Team für zwei Wochen in Quarantäne müsste.

Genau das wurde am vergangenen Donnerstag vom Gesundheitsministerium gefordert. In Deutschland ist dies nun anders. Dort werden die Kontaktpersonen je nach Risiko eingeteilt - und entsprechend behandelt oder beobachtet. Sollten die österreichischen Behörden trotz des angekündigten Einlenkens von Gesundheitsminister Rudolf Anschober nicht von dem Standpunkt, wonach alle in Quarantäne müssten, abrücken, wäre eine Fortsetzung der laufenden Saison unmöglich und sogar die kommende Spielzeit in Gefahr, wie Liga-Vorstand Christian Ebenbauer vorab betonte. Der Wiener warnte, dass in diesem Fall auch Sportarten wie Eishockey, Handball, Basketball oder Volleyball betroffen wären. "Wenn der Ist-Zustand bleibt, gibt es für einen längeren Zeitraum keinen Mannschaftssport – so lange, bis es eine Impfung gibt."

Durch die Corona-Krise ist Ebenbauer mit einer Vielzahl an Problemen konfrontiert. "Es ist so, als ob es im zehnten Stock brennt, man will löschen und kommt nur bis zum fünften Stock", sagte der 44-Jährige über die aktuelle Situation. Eine Lösung könne es nur geben, wenn das Gesundheitsministerium von seiner Quarantäne-Forderung Abstand nimmt. "Wenn ein Spieler positiv ist und dann seine ganze Mannschaft und vielleicht auch der Gegner in Quarantäne muss, ist ein Meisterschaftsbetrieb nicht möglich, weil man Planungssicherheit braucht. Unter diesen Voraussetzungen geht es einfach nicht", sagte Ebenbauer.

Knackpunkt 2. Liga

Wochenlang hatte es vom Sportministerium positive Signale gegeben, ehe das Gesundheitsministerium für Ernüchterung gesorgt hatte. Ebenbauer: "Das war ein Schlag ins Gesicht, der schnell zum K.o.-Schlag werden kann, wenn ich an die nächste Saison denke", erklärte Ebenbauer. "Wenn wir alle drei Tage testen - viel mehr Risiko-Minimierung geht nicht."

Unverständlich für den Liga-Vorstand ist auch das derzeitige Trainingsverbot für die Zweitligisten außer Cupfinalist Austria Lustenau. "Arbeitnehmer dürfen unter Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen nicht ihrer Arbeit nachgehen und zumindest in Kleingruppen trainieren, aber gleichzeitig dürfen sich zehn Personen in einem Park treffen und bei Einhaltung der Abstandsregeln etwas unternehmen."

Die zweithöchste Spielklasse ist noch immer nicht abgebrochen – und kann im Rahmen der Hauptversammlung auch nicht abgebrochen werden –, dennoch erscheint eine Fortführung schwierig. "Solange keine Entscheidung fällt, unter welchen Voraussetzungen sie trainieren und ins Mannschaftstraining einsteigen dürfen, ist jede Diskussion über diese oder die nächste Saison Spekulation", sagte Ebenbauer. Die beiden aktuellen Topklubs der 2. Liga, SV Ried und Austria Klagenfurt, wünschen eine Aufnahme in die höchste Liga, die dann aus 14 Vereinen bestehen würde. Dafür wird in der Hauptversammlung eine Zwei-Drittel-Mehrheit benötigt, die wohl eher nicht zustande kommen dürfte. Für den Fall einer Ablehnung kündigten beide Klubs Klagen an.

Auch der TV-Vertrag steht in Frage

Laut Ebenbauer wäre eine Aufstockung zum jetzigen Zeitpunkt mit zahlreichen Problemen verbunden, "weil viele Parameter offen sind. Wir haben noch keine Lizenzen vergeben, wissen noch gar nicht, ob wir nächste Saison überhaupt 14 Vereine haben. Dann geht es um Abstiegsregelungen oder finanzielle Rahmenbedingungen."

Betroffen davon wäre auch die Zusammenarbeit mit Hauptlizenznehmer Sky. "Das Ligenformat ist im TV-Vertrag festgehalten. Es müsste also Einigung mit Sky erzielt werden", meinte Ebenbauer.

Eine weitgehende Einigkeit besteht in puncto Aufweichung der Vorgaben für die Spielgenehmigungen 2020/21. Die finanziellen Kriterien sollen ausgesetzt werden, wie auch die Uefa vorschlägt. Außerdem soll ein Verein, der während der Spielzeit in die Insolvenz schlittert, nicht mehr automatisch absteigen müssen. Dafür wären laut Ebenbauer Sanktionen wie etwa Punkteabzug oder Budgetgrenzen für Transfers möglich.

Interessenskonflikte zwischen den Klubs

Noch offen ist die Frage, ob die Bundesliga einen Kredit in zweistelliger Millionenhöhe zur Unterstützung taumelnder Klubs aufnehmen soll. Zuletzt wurde auch über eine mögliche Aufstockung des Aufsichtsrates um Vertreter von Rapid, Austria und eines Zweitligisten debattiert.

Dieser Punkt offenbart die Meinungsunterschiede zwischen Red Bull Salzburg, Rapid, Austria und Sturm Graz, die schnell wieder spielen möchten, und LASK, Admira und WSG Tirol, die auf der Bremse stehen. "Es ist klar, dass es in der jetzigen Situation viele unterschiedliche Interessen gibt. Jeder Geschäftsführer muss danach trachten, die Interessen seines Klubs zu vertreten, andererseits sind auch alle verpflichtet, die gemeinsamen Interessen der Bundesliga zu vertreten. Das ist ein schwieriger Spagat", sagte Ebenbauer. (art/apa)