Ohne die Coronavirus-Pandemie hätte Leeds United seiner Klub-Legende Jack Charlton in diesen Tagen womöglich ein besonderes Geschenk machen können. Bevor Covid-19 den Fußball in England lahmlegte, war der Verein auf dem besten Wege, nach 16 Jahren in die Premier League zurückzukehren. Nun muss sich Charlton, der beeindruckende 23 Jahre lang die Fußballschuhe für Leeds United schnürte, weiter gedulden. Am heutigen Freitag feiert der Weltmeister von 1966, der beim 4:2-Finalsieg über Deutschland auf dem Platz stand, seinen 85. Geburtstag.

Noch immer ist Leeds neben Newcastle United - Charltons Lieblingsklub aus der Kindheit - der Verein, für den sein Herz am meisten schlägt. "Bei diesen beiden Teams schau’ ich zuerst nach den Ergebnissen, vor allen anderen und mit echter Angst", sagte der frühere englische Verteidiger in einem Interview dem Vereinsmagazin "Leeds Leeds Leeds". "Als Kind wurde ich ‚schwarz und weiß‘ (Newcastles Farben) erzogen, und dann hatte ich meine Karriere in Leeds."

773 Einsätze für Leeds stehen nach Angaben des Vereins auf Charltons Konto. Das macht ihn zum Rekordhalter der Whites - voraussichtlich für alle Zeiten. Kaum vorstellbar, dass heute noch ein Profi 23 Jahre für denselben Klub spielt. Dabei wäre es fast anders gekommen.

Als 15-Jähriger soll Charlton ein Probespiel für Leeds abgelehnt haben, um unter Tage zu arbeiten - was er bald bereute. Die Arbeit in den Minen gefiel dem jungen Mann aus Ashington gar nicht. Er bewarb sich bei der Polizei und bekam auch eine zweite Gelegenheit für ein Probespiel bei Leeds. Das sollte ausgerechnet am selben Tag wie sein Bewerbungsgespräch bei der Polizei stattfinden. Charlton entschied sich für das Fußballspiel und überzeugte die Leeds-Verantwortlichen.

Hochschaubahn der Gefühle mit Leeds

Der Verein stieg zu Charltons aktiver Zeit zweimal auf und einmal ab. Während der vier Jahre in der zweiten Liga dachte der ambitionierte Profi schon an einen Abschied von der Elland Road. "Ich wollte weg", gab Charlton im Klubmagazin zu, "und das lag vor allem daran, dass es nicht vorwärtsging." Die Verpflichtung von Trainer Don Revie änderte alles. 1964 stiegen die Whites auf, 1968 gewannen sie den Ligapokal, ein Jahr später sogar die Meisterschaft und 1972 zudem den FA Cup. Seinen größten Triumph hatte Jack Charlton da schon lange hinter sich - den Gewinn der Weltmeisterschaft 1966 mit England. "Ich hatte viel Glück", erinnerte sich Charlton. "Ich bin ja erst zur englischen Nationalmannschaft gekommen, als ich schon 28 war, fast 29." Einer der Stars des WM-Teams war sein jüngerer Bruder Bobby Charlton. Der Stürmer von Manchester United galt als der talentiertere, weshalb Jack bis heute oft in seinem Schatten steht.

Erfolgreiche Trainerkarriere mit Irland

Nach seiner aktiven Karriere feierte Jack Charlton als Trainer einige Erfolge. Er stieg mit Middlesbrough in die erste Liga auf und mit Sheffield United in die zweite. Seine erfolgreichste Zeit hatte er als Nationalcoach von Irland. Charlton führte die Iren erstmals zu einer Fußball-EM (1988) und kurz darauf zur WM-Premiere, wo es das Team ins Viertelfinale schaffte. Auch an der EM 1988 und der WM 1994 nahm Irland unter Charlton teil, bevor er sich 1996 zur Ruhe setzte.

Inzwischen hat er sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Mit seinem Bruder, zu dem das Verhältnis als schwierig galt, sah man ihn zuletzt 2018 bei der Beerdigung ihres ehemaligen Teamkameraden Ray Wilson zusammen. (dpa/apa)