Und niemals vergessen: Eisern Union! Eisern Union! Eisern Union!" Die Anhänger des 1. FC Union Berlin lieben ihren Schlachtruf, und tatsächlich hat der Gesang, der meistens vor und nach den Spielen angestimmt wird, etwas Eindrückliches. Weit weniger martialisch mutet da dagegen der Ruf "Ha ho he - Hertha BSC" des ewigen Stadtrivalen an, was aber nun nicht bedeutet, dass auch hier die Fans viel an Lautstärke vermissen ließen. Allein zu hören werden die beiden Gesänge in der auslaufenden Geisterspielsaison der deutschen Bundesliga Corona-bedingt nicht mehr sein. Auch nicht im Olympiastadion zu Berlin, wo am Freitag (20.30 Uhr) das erste Stadtderby seit dem Liga-Lockdown zwischen den Eisernen und Hertha angepfiffen wird.

Dabei waren es weniger die Einschränkungen, welche die Berliner Fans beider Seiten über den Feiertag nervös machten, sondern die höchst reale Gefahr, dass auch die Bildschirme daheim am Freitag schwarz bleiben könnten, also das Derby in Silent-Sports-Funktion gar nicht im Fernsehen gezeigt würde - nicht einmal im Pay-TV. In Zeiten von Corona geht das natürlich gar nicht, Kartellrecht hin oder her. Die Union versuchte indessen die Streitereien rund um Lizenzinhaber Eurosport, der das drohende Blackoutszenario ausgelöst hatte, am Mittwoch noch auszublenden. "Wir gehen davon aus, dass das Spiel im Fernsehen zu sehen sein wird", hatte Klubsprecher Christian Arbeit kalmierend gemeint. Am Donnerstag erreichte die Fans via Twitter dann doch die frohe Kunde: "#BSCFCU läuft am Freitag live bei Dazn."

Trubel und Ärger bei BSC

Damit waren die Wogen halbwegs wieder geglättet - zumindest was die Übertragung des Geisterspiels betrifft. Dennoch kann bei Hertha von einer "ruhigen See" noch keine Rede sein. Der Hauptstadtklub leidet unter einer Reihe von durch Corona, Misserfolge und Bundesligastartprobleme hervorgerufene Nachwehen, die freilich beim Derby umso stärker in den Fokus geraten werden. Da wäre etwa die Verpflichtung von Neo-Coach Bruno Labbadia, der am 9. April, mitten in der Corona-Krise, Alexander Nouri auf der Trainerbank ersetzt hatte. Zwar gilt Labbadia als Liga-Urgestein und damit auch als jemand, der Hertha vor dem möglichen Abstieg bewahren kann, allerdings ist der Druck gleich doppelt hoch. Immerhin ist der Deutsche bereits der vierte BSC-Coach in der laufenden Saison.

Bekanntlich waren die Berliner mit dem glücklosen Ante Covic in die Spielzeit gestartet, der im November gehen musste und spektakulär vom früheren Nationalcoach Jürgen Klinsmann abgelöst wurde. Zwar verbesserte sich für kurze Zeit die spielerische Situation des Vereins, doch warf Klinsmann nach nicht mal drei Monaten völlig überraschend hin. Sein plötzlicher Rückzug löste einigen Trubel und am Ende auch viel Ärger aus, der auch unter Nouri nicht wirklich verraucht ist. Um das Ruder nach dem 3:0-Auftakt am Samstag gegen Hoffenheim weiter auf Kurs zu halten, benötigt daher Labbadia am Freitag einen weiteren Erfolg gegen die Union. Zwar liegen beide Vereine im Mittelfeld der Ligatabelle, vorm Abstieg sind sie aber noch lang nicht gerettet.

Als wäre das alles nicht schon genug, musste sich Labbadia auch noch mit einer Video- und Torjubel-Affäre herumschlagen. Erstere hatte Offensivspieler Salomon Kalou zu Beginn des Monats ausgelöst, als er in einem Facebook-Video, das die Abnahme eines Corona-Tests an einem Teamkollegen sowie ihn selbst fleißig beim Händeschütteln zeigte, jeden Anstand und auch Abstand missen ließ - was ihm just eine Suspendierung bescherte. Dass es dann Kalous Kollegen beim 3:0-Torjubel gegen Hoffenheim am Samstag mit den Hygienevorschriften nicht zu genau nahmen, trug auch nicht gerade zur Beruhigung der ohnehin angespannten Situation bei.

Zumindest wird dieses Mal im Stadion (nicht nur gesanglich) Ruhe herrschen, zumal es beim Derby-Hinspiel im November schwere Ausschreitungen in beiden Fan-Lagern gegeben hatte. Hertha-Anhänger zündeten Leuchtraketen und feuerten sie auch in Richtung Rasen und Zuseherränge ab. Dies brachte dem Klub eine Geldstrafe in der Höhe von 190.000 Euro ein - Geld, das Labbadia in diesen Tagen gut brauchen könnte.