Die Ermittler kamen im Morgengrauen. Das weiße Luxushotel in den engen Gassen von Zürich war umstellt. Manche Fußball-Funktionäre wurden im Schlaf überrascht und kurze Zeit später aus dem Baur au Lac abgeführt - Bilder wie aus einem Agenten-Krimi. Zwei Fifa-Vizepräsidenten zählten am 27. Mai 2015 bei der Aktion der Schweizer Sicherheitsbehörden im Auftrag der US-Justiz zu den Festgenommenen.

Betroffen waren Jeffrey Webb von den Kaymaninseln und Eugenio Figueredo aus Uruguay - zwei Hochkaräter im Umfeld von Joseph Blatter. Der Fifa-Chef bereitete sich vor fünf Jahren gerade auf seine Wiederwahl für eine fünfte Amtszeit vor. Zwei Tage später, am 29. Mai 2015, sollte der Langzeit-Regent beim Kongress des Fußball-Weltverbandes bestätigt werden.

Joseph Blatter stürzte letztlich über den Skandal. - © APAweb / Keystone, Walter Bieri
Joseph Blatter stürzte letztlich über den Skandal. - © APAweb / Keystone, Walter Bieri

Die Zeiten waren für die Funktionärsriege bereits bedrohlich, aber mit diesem Schlag der Schweizer Behörden war klar: Das System Blatter hatte nicht nur Risse, es wankte und stand kurz vor dem Fall. Festnahmen hatte es im Fifa-Hotel auch schon während der WM 2014 in Brasilien gegeben. Damals waren die Delinquenten aber Mitarbeiter von Marketingpartnern. Jetzt hatte es dicke Fische aus Blatters Gewässern erwischt.

Gepflogenheiten in Süd- und Mittelamerika im Fokus

Parallel zu den Festnahmen wurde auch die Fifa-Zentrale von Schweizer Ermittlern durchsucht. Die seit Jahren im Zwielicht stehende WM-Vergabe an Russland 2018 und Katar 2022 wurde weiter untersucht. Der Vorwurf der Schweizer Bundesanwaltschaft: Geldwäsche.

Wie sehr die Person Blatter, obwohl noch nicht selber als Beschuldigter notiert, schon unter Generalverdacht stand, wurde durch den plakativen Begriff "Fifa-Skandal" der US-Justiz deutlich. Streng genommen hatten zumindest die Verfehlungen der insgesamt sieben festgenommenen Funktionäre aus Süd- und Mittelamerika mehr mit Gepflogenheiten in deren Heimat als mit den direkten Geschäften des von Blatter seit Jahren geführten Weltverbandes zu tun. Der langjährige Fifa-Vize und Blatter-Intimus Jack Warner blieb in seiner Heimat Trinidad und Tobago nur per Millionen-Kaution auf freiem Fuß.

Die dunkle Seite der Fußball-Macht war vom damals 79-jährigen Blatter in den Konföderationen toleriert worden. Treue Vasallen bedeuteten sichere Wählerstimmen, wie sich nur 48 Stunden später zum letzten Mal beweisen sollte.

US-Justizministerin Loretta Lynch als Gegenspielerin Blatters

Die US-Justiz fuhr dazwischen, die Anschuldigungen wogen schwer. Korruption, Betrug, Bestechung in dreistelliger Millionenhöhe - auch zum Schaden der Vereinigten Staaten. Zur Gegenspielerin der Fifa und somit zur Gegenspielerin Blatters wurde die damalige US-Justizministerin Loretta Lynch. "Sie haben das weltweite Fußballgeschäft korrumpiert, um sich selbst zu bereichern", sagte sie kurz nach der Festnahme über die Beschuldigten. "Sie haben es immer und immer wieder gemacht. Jahr um Jahr, Turnier um Turnier."

Loretta Lynch erlangte als seine Gegenspielerin Bekanntheit - auch wenn es bei den Ermittlungen der US-Behörden nicht vorrangig um den Fifa-Präsidenten ging. - © APAweb / afp, Don Emmert
Loretta Lynch erlangte als seine Gegenspielerin Bekanntheit - auch wenn es bei den Ermittlungen der US-Behörden nicht vorrangig um den Fifa-Präsidenten ging. - © APAweb / afp, Don Emmert

Die Funktionärswelt reagierte erschüttert und gleichzeitig hilflos. Die noch vom später ebenfalls gestürzten Michel Platini geführte Uefa konnte sich nicht zu einem Boykott der Blatter-Wahl durchringen. "Ich werde die Fifa zurückbringen, gemeinsam schaffen wir das", rief Blatter nach seiner Wiederwahl. 133 von 206 Verbänden folgten ihm noch, doch der Fußball war gespalten.

Blatter gibt auf

Am Ende machte Blatter selbst - nach einem Wochenende wüster Anschuldigungen gegen seine Kontrahenten - einen Rückzieher. "Ich habe ernsthaft über meine Präsidentschaft nachgedacht und über die vierzig Jahre, in denen mein Leben untrennbar mit der Fifa und diesem großartigen Sport verbunden gewesen ist", sagte Blatter am 2. Juni 2015. Er habe "das Gefühl, dass ich nicht das Mandat der gesamten Fußballwelt" habe. "Daher habe ich entschieden, mein Mandat bei einem außerordentlichen Kongress niederzulegen."

Schnell kursierten Berichte aus den USA, dass das FBI nun auch gegen Blatter ermittle, der Rückzug also nur Selbstschutz sei. Blatter selbst sagte, mit dem Instinkt einer Schweizer Bergziege für Lawinen habe er in den vielen Jahren jede Gefahr umgangen. Möglicherweise setzte er diesen Instinkt noch einmal ein.

Zur Ruhe kam die Fifa durch die Rücktrittsankündigung nicht - im Gegenteil. Die Funktionäre wurden noch vor der überraschenden Wahl von Gianni Infantino zum neuen Fifa-Boss im Februar 2016 durch Enthüllungen reihenweise zu Fall gebracht. Offenbar wussten zu viele von Schwachstellen der anderen Fußball-Mächtigen. Alte Seilschaften rissen schnell.

Blatter und Platini wurden wegen einer Zahlung von zwei Millionen Franken an den Franzosen, die heute noch die Gerichte beschäftigt, mehrere Jahre für alle Fußball-Geschäfte gesperrt. Auch Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke wurden ausreichend Verfehlungen angelastet. Und im Herbst 2015 rollte die Skandal-Welle schließlich auch nach Deutschland. Im Fokus stand die Vergabe der WM 2006, die als deutsches Sommermärchen in die Fußball-Geschichte eingegangen war. Der Prozess, der lange auf sich warten ließ, verlief aber letztlich ergebnislos. Während er wegen der Coronavirus-Pandemie ausgesetzt war, lief die Verjährungsfrist ab. (apa/dpa)