Wie oft ist nicht schon der ÖFB-Cup für tot erklärt, die Sinnhaftigkeit des Liga-übergreifenden Vereinsturniers mangels sportlicher und finanzieller Bedeutung hinterfragt worden? Nicht so heute, Freitag. Tatsächlich sind die Chancen, dass das Cup-Finale zwischen Red Bull Salzburg und Zweitligist Austria Lustenau (20.45 Uhr/ORF1) als eines der meistgesehenen Endspiele in die nationale Cup-Geschichte eingehen könnte, mehr als nur intakt. Dass die Partie Corona-bedingt als Geisterspiel ausgetragen wird, ändert an dieser Prognose wenig, im Gegenteil. Nach mehr als zwei Monaten Lockdown im Profifußball ist die Sehnsucht bei den Fans, egal welcher Couleur, nach dem rollenden Leder so groß wie nie. Weswegen sich der ORF wohl auf Rekordquoten einstellen wird können.

Dabei könnten auf sportlicher Ebene die Rollen nicht deutlicher verteilt sein. Alles andere als der sechste Triumph des Double-Titelverteidigers in den jüngsten sieben Jahren wäre eine große Überraschung. "Wir leben im Profifußball für Titel", sagte Salzburg-Trainer Jesse Marsch. Für den 46-Jährigen wäre es die erste ÖFB-Trophäe mit den Salzburgern, bei denen er im vergangenen Sommer die Nachfolge von Marco Rose angetreten hatte. Mit einem Selbstläufer rechnet Marsch trotz bester Ausgangslage nicht. "Wir sind Favorit, aber der Cup hat eigene Regeln, da kann alles passieren, wir müssen bereit sein für verrückte Momente", sagte der Amerikaner.

Während des Spiels herrscht keine Abstandspflicht, beim Jubeln aber wohl. - © apa/Stiplovsek
Während des Spiels herrscht keine Abstandspflicht, beim Jubeln aber wohl. - © apa/Stiplovsek

An entsprechender Erfahrung mangelt es beim Serienmeister ja nicht, das Cup-Finale gehört quasi zur Saisonplanung dazu. Zum siebenten Mal in Folge dürfen sie dort - auch dank knappen Siegen über Rapid und den Linzer ASK - heuer einlaufen, während Lustenau nach 2011 erst zum zweiten Mal Endspielluft schnuppert. "Für viele Spieler von ihnen ist es das Spiel des Lebens. Wir erwarten einen starken Gegner, der 90 Minuten um jeden Ball kämpfen wird", sagte Marsch. Das fordert er auch von seiner mit "mehr Qualität" ausgestatteten Truppe, genauso wie einen hellwachen Auftritt von Beginn an. "Egal ob mit Zuschauer oder ohne, wir müssen eine Mentalität für ein Finale haben."

Für Lustenau dagegen ist allein schon der Finaleinzug ein großer Erfolg. Im Vergleich zu 2011 (0:2 gegen Ried) gab es diesmal im Vorfeld keine störenden Prämiendiskussionen. "Das ist im Einvernehmen passiert. Da hat der Verein daraus gelernt, dass das damals nicht optimal gelaufen ist", sagte Vorstand Bernd Bösch. Der Tabellensiebente der 2. Liga kann ohne Druck ins Spiel gehen. "Wir sind intelligent genug, zu wissen, dass wir nicht der Favorit sind, und wenn man es realistisch betrachtet, nicht sehr hohe Chancen haben werden", erläuterte Mittelfeldspieler Christoph Freitag.

Trotzdem will man versuchen, die zu nutzen. Es wäre der erste große Titel der Vereinsgeschichte für die Vorarlberger, die von 1997 bis 2000 drei Saisonen in der Bundesliga vertreten waren. Bringen würde dieser neben dem Pokal auch einen Startplatz in der Europa-League-Gruppenphase und damit wertvolle Millionen für die Klubkasse. Zuletzt trafen die beiden Mannschaften am 31. Oktober 2018 im Cup-Achtelfinale aufeinander, das Salzburg in Lustenau mit 1:0 gewann.

Neben dem TV-Publikumsinteresse wird bei diesem Cup-Finale noch etwas anders sein - Abstand und Prävention im Fokus stehen. Auf viele kleine Details muss da geachtet werden, um das von der Bundesliga und dem ÖFB mit der Regierung ausgehandelte Präventionskonzept bestmöglich umzusetzen. "Das ist definitiv eine große Herausforderung, weil es ein Endspiel ist und besondere Emotionen mit sich bringen wird", betonte ÖFB-Geschäftsführer Bernhard Neuhold. Diese im Zaum zu halten wird nicht nur beim Torjubel, sondern vor allem nach Fixierung des Titelgewinns schwierig sein. "Wir werden alles Mögliche tun, dass die Abstandsregeln respektiert werden", so Neuhold. Torjubel ohne Jubel? Auch das wird (vielleicht) zu sehen sein.(rel)