Es wird gewiss noch etwas dauern, bis sich David Alaba und Co. an die Kulisse gewöhnt haben werden. Nach mehr als zwei Monaten Corona-Zwangspause endlich wieder im eigenen Stadion spielen zu dürfen, das hat schon was. Dass dieses Spiel dann aber ohne Zuschauer, also als Geisterspiel ausgetragen werden musste, wieder eher weniger. So geschehen am vergangenen Wochenende in der Münchner Allianz-Arena, als man hier im zweiten Spiel der angelaufenen Bundesliga erstmals wieder "dahoam" kicken konnte und dieses Ereignis gleich mit einem 5:2-Erfolg über Eintracht Frankfurt feierte. Dabei dürfte den Bayern die Feierlaune über die Woche noch erhalten geblieben sein, und das nicht nur wegen des gleich anschließenden Auswärtstriumphs gegen Borussia Dortmund am Dienstag. Denn schließlich gibt es am heutigen Samstag, wenn Fortuna Düsseldorf in München gastiert (18.30 Uhr), noch etwas anderes zu feiern: Auf den Tag genau wurde vor 15 Jahren, am 30. Mai 2005, die Allianz-Arena offiziell eröffnet.

Dass dieses Jubiläum wegen Corona nun ins Wasser fällt, mag Ehrenpräsident Uli Hoeneß vielleicht etwas wurmen. Grundsätzlich kann er aber auf das Geschaffene mit Stolz zurückblicken - und tut das auch. "Wir haben früher einige andere europäische Spitzenklubs um ihre Spielstätten beneidet", sagte er am Freitag, aber inzwischen blicke "der eine oder andere europäische Spitzenklub eher neidisch" auf Bayern und "das schönste Stadion der Welt". Für Hoeneß ist die Arena demnach nicht nur die "Erfüllung eines Traums" und "ein wunderbares Aushängeschild der Stadt München", sondern vor allem eine "Goldgrube". Und damit hat der 68-Jährige zweifellos recht. Fans und Funktionäre des zweiten großen Traditionsvereins in der Stadt, 1860 München, sehen das freilich etwas anders, hatte doch das WM-Stadion von 2006 auch einmal ihnen gehört. Der TSV war es auch, der auf dem jungfräulichen Rasen an jenem 30. Mai das erste Eröffnungsspiel (gegen den FC Nürnberg) vor 66.000 Zuschauern bestritten - und 3:2 gewonnen hatte. Tags darauf fuhr Bayern im zweiten Eröffnungsspiel gegen die deutsche Nationalelf einen 4:2-Erfolg ein.

Bratwurst-Prozess

Was heute vielleicht nicht mehr viele wissen: Der TSV München war nicht nur Mitinitiator des 2014 - unter viel Kritik - in Allianz-Arena umbenannten Stadions in Fröttmaning, sondern auch Miteigentümer, das heißt an der 2001 gegründeten Allianz-Arena-Stadion-GmbH zur Hälfte beteiligt. Folglich bildete das (inklusive Finanzierungskosten 340 Millionen Euro teure) Oval mit seinen insgesamt 75.021 Plätzen auch einmal die Heimstätte der Sechziger - und zwar bis zum Saisonende 2016/17. Zum Bruch kam es freilich schon früher, nämlich, als man im April 2006 aufgrund finanzieller Probleme den 50-Prozent-Anteil für elf Millionen Euro an die FC Bayern München AG verkaufen musste. Vom vertraglich vereinbarten Rückkaufsrecht machten die 1860er mangels verfügbarer Mittel nie Gebrauch, ja man sah sich bald von den finanzstarken Bayern, welche die Stadiongesellschaft allein managten und damit die Bedingungen diktieren konnten, über den Tisch gezogen.

Die laufenden Kalamitäten gipfelten schließlich im sogenannten Bratwurst-Prozess, der 2010 vom TSV angestrengt wurde. Dabei ging es nicht nur um angeblich falsch verrechnete Catering-Kosten, sondern auch um den Deal von 2006. Der Klub behauptete, dass die 1860-Anteile beim Verkauf rund 20 Millionen Euro - also fast das Doppelte des damals vereinbarten Preises - wert gewesen seien, auch stieß man sich daran, dass man bei der Partizipation an den Logeneinnahmen von jährlich 14 Millionen Euro nicht beteiligt worden war. "Ich war der Meinung, wenn jemand im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte einen Vertrag unterschreibt, dass er sich daran erinnert", polterte Hoeneß damals. "Die haben uns auf Knien gebeten: Nehmt unsere Anteile! Und es gab Leute, die haben gesagt: Lass die doch absaufen! Wir haben sie nicht absaufen lassen, und jetzt werden wir verarscht." Das Landgericht München sah das tatsächlich ähnlich und gab den Bayern recht. Der TSV wurde zu einer Strafzahlung in der Höhe von 542.344 Euro verdonnert, auf eine Berufung wurde verzichtet. 2017 wechselten die Sechziger aus der Allianz-Arena in das Grünwalder Stadion, das bis 1972 unter anderem die Heimstätte der Bayern gewesen war.

Seit 16. Mai wieder geöffnet

Mit der neuen Arena ist freilich kein Münchner Oval zu vergleichen. Seit 15 Jahren gilt es als Vorzeigebau, architektonisch wie betrieblich. So bildet die aus 2760 rautenförmigen Pölstern bestehende Fassade mit 66.500 Quadratmetern die größte Membranhülle der Welt, auch das größte Parkhaus Europa befindet sich auf dem Areal. Im Stadion selbst misst allein die Gastronomiefläche 6500 Quadratmeter und wird seit 2014 vom österreichischen Catering-Konzern Do&Co gemanagt. Wer sich ein Bier oder eine Bratwurst genehmigen will, kann das nur bargeldlos mit einer eigenen Karte tun. Nur, billig ist der Spaß bei 4,40 Euro für ein großes Bier nicht.

Für Fans ist übrigens das Stadion mit seinem FC-Bayern-Megastore und der Lego-Welt seit 16. Mai wieder geöffnet. Spielt die Mannschaft, bleiben die Tore wegen Corona bis auf Weiteres geschlossen. "Ich beneide jeden, der in diesem Stadion spielen darf", hatte Franz Beckenbauer vor 15 Jahren anlässlich der Eröffnung gesagt. Alaba wird wissen, was er damit gemeint hat. Auch wenn die Kulisse aktuell eine etwas andere ist.