Kniende Fußballer beim Trainingsstart des FC Liverpool, T-Shirts mit entsprechenden Botschaften in der deutschen Bundesliga, flammende Appelle über die Sozialen Medien: Die Welle der Solidarität gegenüber Schwarzen in den USA, die sich Diskriminierung und Polizeigewalt ausgesetzt sehen, ist spätestens in der Woche nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem Polizeieinsatz auch auf den (europäischen) Sport übergeschwappt - und da wie dort ist in den Reaktionen der Obrigkeiten ein gewisses Maß an Hilflosigkeit zu spüren.

Zum einen galt politischer Protest im Sport, der so gerne das Mantra wiederholt, man solle das eine nicht mit dem anderen vermischen - es sei denn, es erscheint angesichts der ebenso vielzitierten Völkerverständigung durch Sport opportun -, lange als verpönt. Zum anderen sind die Aktionen kaum noch aufzuhalten und Argumente dagegen schwierig zu finden - ist es doch ausgerechnet der Fußball selbst, der seine Stars gerne für Anti-Rassismus- und andere Kampagnen vor den Karren spannt.


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Uefa-Rechtspflegeordnung
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"Gerechtigkeit für George Floyd" forderte unter anderem Dortmunds Jadon Sancho. - © reuters
"Gerechtigkeit für George Floyd" forderte unter anderem Dortmunds Jadon Sancho. - © reuters

Die Uneinigkeit offenbart sich auch an der Spitze des deutschen Fußballbundes DFB. Während dessen Präsident Fritz Keller Verständnis und "tiefen Respekt" für die Spieler äußerte, die sich den Protesten anschlossen, hielt sein Vize Rainer Koch fest, der Kontrollausschuss werde "feststellen, ob das Spiel und das Spielfeld der richtige Ort" dafür seien. In England rief Sanjay Bhandari, der Vorsitzende der Anti-Rassismus-Initiative "Kick it Out", die Profis via der Zeitung "Guardian" dazu auf, beim Ligastart am 17. Juni ein "klares Zeichen" gegen Rassismus zu setzen; der Weltverband Fifa wiederum empfahl den Ligen zumindest, von Strafen abzusehen und stattdessen "gesunden Menschenverstand" walten zu lassen. Während immer wieder davon die Rede ist, politische Bekundungen seien am Spielfeld generell nicht erlaubt, ist in den Regularien ein gewisser Spielraum vorgesehen. In der Rechtspflegeordnung der Europa-Konföderation Uefa heißt es nur, es verstoße unter anderem jemand gegen die Grundsätze, der (Artikel 11. c.) "Sportveranstaltungen für sportfremde Kundgebungen benützt". Weitaus klarer freilich sind die Disziplinarmaßnahmen bei rassistischen Aktionen definiert (Artikel 14), woraus hervorgeht, dass ein Bekenntnis eben genau gegen Rassismus integraler Bestandteil der Grundsätze selbst ist.

Tommie Smith (M.) und John Carlos (r.) unterstützten schon 1968 die "Black-Power"- Bewegung. - © afp
Tommie Smith (M.) und John Carlos (r.) unterstützten schon 1968 die "Black-Power"- Bewegung. - © afp

Dennoch hatten Sportler in anderen Fällen in der Vergangenheit durchaus mit direkten oder zumindest indirekten Konsequenzen zu rechnen. Berühmt ist mittlerweile das Beispiel des Football-Profis Colin Kaepernick, der die öffentliche Meinung in den USA 2016 mit seinem demonstrativen Protest gegen Rassendiskriminierung und Polizeigewalt im Jahr 2016 spaltete. Wie es ist, bei der Hymne nicht stolz zu stehen, sondern auf die Knie zu gehen, davon kann er andere Hymnen singen. Zeit dazu hatte er genügend, schließlich galt er danach in der Profiliga NFL lange als persona non grata und fand nach Auslaufen seines Vertrages keinen neuen Arbeitgeber.

Nur in Österreich keine Tradition

Dabei hat politischer Protest auch im Sport eine gewisse Tradition. Die bekanntesten Beispiele sind die US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos, die bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko bei der Siegerehrung mit gesenkten Köpfen die Fäuste streckten - als Zeichen ihrer Unterstützung der "Black-Power"-Bewegung. Auch die Fußballerin Megan Rapinoe avancierte 2019 nicht nur zum bekanntesten Gesicht des US-Weltmeisterteams, sondern auch jener Sportler(innen), die sich offen gegen das System Donald Trumps, Homophobie und Diskriminierung jeglicher Art auflehnten, sowie zur Kämpferin für eine faire Bezahlung für Frauen im Sport.

Während politische Äußerungen von Sportlern im angloamerikanischen Raum also trotz aller Widrigkeiten keine Ausnahme sind, gelten sie in Kontinentaleuropa generell und in Österreich im Besonderen eher als unüblich, was freilich auch historisch begründet ist. In Österreich sah sich der Sport lange als Teil des Bürgertums, der weder mit den Privilegien des Adels noch den Klassenkämpfen und schon gar nicht der Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus etwas zu tun haben wollte. Man wird sehen, ob dieser Rückzug auch in der nunmehr startenden österreichischen Bundesliga gilt - oder sich die Voraussetzungen angesichts der dramatischen Bilder aus den USA, den Beispielen aus anderen europäischen Ländern und nicht zuletzt der Wiederentdeckung moralischer Verantwortung durch die Corona-Krise nachhaltig geändert haben. Geht es nach dem englischen Anti-Rassismus-Aktivist Bhandari, haben etwaige Solidaritätsbekundungen ohnehin nichts mit politischen Aktionen zu tun. "Es ist einfach nur menschlich", sagt er.