Jung, männlich, sucht . . . Eigentlich keinen Verein. Und doch ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Fußballer demnächst von einem gefunden wird, äußerst groß. Denn Kai Havertz, 20 Jahre alt und - unter anderem - Siegtorschütze bei Bayer Leverkusens mühsam erkämpftem 1:0-Sieg gegen Freiburg, ist zum einen eine der gefragtesten Aktien am internationalen Transfermarkt -, zum anderen ein Sinnbild dafür, dass es mit der vermeintlichen Zeitenwende im Fußball nicht allzu weit her sein dürfte.

Schließlich hatten sich zu Beginn der Corona-Krise zahlreiche Experten, Manager und hohe Fußball-Funktionäre mit Äußerungen über Gehaltsobergrenzen nach US-amerikanischem Vorbild sowie ein angebliches Ende des Hochlizitierens bei Ablösesummen zu Wort gemeldet. Manche Sportökonomen hatten eine Gehaltsreduktion von bis zu 50 Prozent gefordert, Bayern Münchens Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge zumindest von "Bremsspuren auf dem Transfermarkt" gesprochen. Und Gianni Infantino, niemand Geringerer als der Chef des Weltfußballverbandes Fifa, hatte zu Beginn des Shutdowns im Fußball noch über dessen Zukunft sinniert. Demnach werde er nach der Krise "total anders sein - einschließender, sozialer, unterstützender, mit Bezug zu einzelnen Ländern, weniger global, weniger arrogant, dafür einladender". Als Symbol für diese Arroganz stehen seit geraumer Zeit die steigenden Gehälter und Ablösesummen. Doch damit dürfte es nun nicht zu Ende sein.

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Denn sobald der Ball wieder rollt, macht es ihm der Euro offenbar gleich, und Kai Havertz ist ein Beispiel dafür. Seine fünf Tore in vier Spielen der deutschen Bundesliga seit deren Wiederbeginn haben Begehrlichkeiten geweckt. Halb Europa - zumindest die Klubs, die es sich, Corona hin oder her, leisten können - wirbt derzeit um den deutschen Nationalspieler. Bayern München soll Interesse haben, am Freitag berichteten Medien über ein 80-Millionen-Euro-Angebot Real Madrids. Damit wäre er auch im vergangenen Sommer, als die Welt noch nichts von Sars-CoV-2 wusste, zwar noch weit entfernt von den 126 Millionen Euro, die Atletico Madrid für Joao Felix, den teuersten Transfer dieser Periode, zahlte, aber doch im Spitzenfeld.

Werner zu Chelsea?

Und nachdem die Leverkusener dieses Angebot ausgeschlagen haben, gleichzeitig aber nach eigenen Angaben nicht damit rechnen, Havertz über ein "Jährchen" hinaus, wie Sportdirektor Rudi Völler sagte, halten zu können, dürfte die Ablösesumme weiter steigen. Leverkusen indessen hätte bei einem Verkauf mit anschließendem Leihgeschäft bis zu einem etwaigen tatsächlichen Wechsel, wie es kolportiert wurde und mittlerweile im Fußball vielerorts gelebte Praxis ist, die Möglichkeit, das Geld schon bald für andere Spielerinvestitionen flüssig zu machen - der zuletzt Corona-bedingt ins Stocken geratene Kreislauf wäre damit wieder angekurbelt.

Doch Havertz, der sein Ausnahmetalent schon früher unter Beweis gestellt hat - der Offensivmann war 2017 jüngster Torschütze des Vereins, wurde damals von den Mitgliedern zum Spieler der Saison gewählt und ist mittlerweile der jüngste Spieler, der die Marke von 100 Einsätzen in der deutschen Bundesliga geknackt hat, sowie der erste Spieler unter 21 Jahren, der 35 Bundesliga-Tore erzielt hat - ist nicht der einzige Spieler, der demnächst den Verein wechseln könnte. Auch Dortmunds Erling Haaland steht nur wenige Monate nach seinem Weggang aus Salzburg bei anderen Topvereinen im Kurs. Die Corona-Pause bremste die Entwicklung seines Marktwerts nur bedingt. Dieser wird nun auf dem Branchenportal transfermarkt.de mit 72 Millionen angegeben. Im Winter war der Norweger für 20 Millionen Euro aus Salzburg nach Dortmund gewechselt. Timo Werner, Topstürmer von RB Leipzig, fühlt sich indessen reif für die Insel und soll laut Medienberichten kommende Woche bei Chelsea präsentiert werden. Die Londoner sollen demnach bereit sein, die festgeschriebene Ablösesumme von knapp unter 70 Millionen Euro hinzublättern. Bereits fixiert ist unterdessen der Verkauf Mauro Icardis von Inter Mailand an Paris Saint-Germain, wo er schon seit vergangenem Sommer auf Leihbasis kickt - Kostenpunkt rund 60 Millionen Euro.

105 Euro Corona-Hilfe für Neymar

Der bisherige Transferrekord wird aber wohl noch länger in Händen des Brasilianers Neymar sein, der PSG dereinst 222 Millionen Euro wert war. Zum Verkauf steht er derzeit zwar nicht - doch sollte er trotzdem irgendwann nicht mehr benötigt werden und keinen neuen Verein finden, kann er sich ja an die brasilianischen Behörden wenden. Die haben ihm jetzt schon einmal 105 Euro an Corona-Hilfe zugesagt. Es habe sich aber um ein Versehen gehandelt, nachdem Neymars Daten gestohlen und missbraucht worden waren, das Geld werde nicht ausbezahlt, hieß es rasch. Am Transfermarkt sprudelt es indessen weiterhin. Kai Havertz ist nur ein Beispiel.