Sie sind gekniet. Sie haben Armbinden getragen, haben T-Shirts mit entsprechenden Aufschriften entblößt, und sie haben Stellungnahmen über die Sozialen Medien und in TV-Interviews abgegeben, die so gar nicht der sonstigen Zurückhaltung von Sportlern entsprechen. Und, ebenso entgegen den Branchenusancen, wonach politische Statements von Athletinnen und Athleten eher unerwünscht sind - der Satz "Don’t mix politics with Sports" ist in den vergangenen Jahren zum Mantra geworden, wann immer es darum ging, Großveranstaltungen in Ländern, in denen Minderheitenrechte mit Füßen getreten werden -, gab es diesmal auch keine Strafen für Sportler, die sich mit den Protesten in den USA nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem Polizeieinsatz am 25. Mai beziehungsweise der "Black-lives-matter"-Bewegung solidarisierten, die mittlerweile über den großen Teich in die ganze Welt übergeschwappt sind. Er fordere die Ligen und Verbände auf, keine Sanktionen zu verhängen, sondern "zu applaudieren", hatte niemand Geringerer als Gianni Infantino, Präsident des Weltfußballverbandes Fifa, dazu gemeint.

Keine "sportfremden Kundgebungen"

Und tatsächlich geschieht dies in weiten Teilen des Sports auch. Warum Fifa und andere Obrigkeiten des Weltsports nun Zeichen des politischen Protests nicht nur in Ordnung, sondern sogar wünschenswert finden, ist einfach erklärt: Zwar verstoße gegen die "Grundsätze des Fußballs", wer diesen für "sportfremde Kundgebungen" benützt; allerdings ist Anti-Rassismus wie auch Anti-Diskriminierung genau einer dieser Grundsätze, die auch in den Statuten der meisten Verbände und Ligen verankert sind. Bei Verstößen dagegen drohen laut Uefa-Rechtsordnung strenge Strafen. "Wer (...) eine Person oder eine Gruppe von Personen (...) wegen ihrer Hautfarbe, Rasse, Religion, ethnischen Abstammung, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung (...) herabsetzt oder diskriminiert, wird für mindestens zehn Spiele oder auf bestimmte Zeit gesperrt oder anderweitig in angemessener Weise bestraft", heißt es in der Rechtspflegeordnung der Europa-Konföderation Uefa. Machen sich Anhänger eines solchen Vergehens schuldig, ist - mindestens - eine Teilsperre des Stadions für die kommenden Spiele fällig.


Links
Uefa-Rechtspflegeordnung
wienerzeitung.at ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

So gesehen waren Ligen, Verbände und Vereine bisher in den meisten Fällen eher mild davongekommen. Doch gemeinsam mit der "Black-lives-matter"-Bewegung sind auch die Forderungen gewachsen, strenger gegen strukturellen Rassismus auch im Sport vorzugehen - und konkrete Maßnahmen zu setzen, diesen zu unterbinden. In Großbritannien, wo kommende Woche nach Deutschland, Österreich, Spanien und kleineren europäischen Ländern der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden soll und der Prozentsatz an Angehörigen nicht-weißer Ethnien rund 13 Prozent beträgt, fordern daher Gewerkschaft, Spieler und Verantwortliche von Anti-Rassismus-Initiativen entschlossenes Handeln. "Nur durch Protestieren wird sich unser Land nicht verändern", sagte Manchester Citys Teamspieler Raheem Sterling. "Es geht nicht nur darum, niederzuknien, sondern Menschen die Chance zu geben, die sie verdient haben."

Vorbilder fehlen

Sterling wies dabei auch auf das Problem hin, dass zwar dunkelhäutige Spieler gut genug seien, wenn es um den Erfolg gehe - dass vielen aber Führungsfunktionen nicht zugetraut werden und Vorbilder in wichtigen Ämtern fehlen würden. Als Trainer etwa würden Schwarze benachteiligt, sagte er - und verwies auf die Beispiele prominenter Ex-Spieler. So hätten die früheren England-Profis Steven Gerrard, Frank Lampard, Sol Campbell und Ashley Cole allesamt ihren Trainerschein "auf dem höchsten Niveau" gemacht - "und die beiden, die keine richtigen Gelegenheiten bekommen haben, sind die beiden schwarzen Ex-Profis". Während Campbell den Drittligisten Southend United trainiert und Cole als Nachwuchscoach bei Chelsea arbeitet, ist Lampard Cheftrainer der Blues, Gerrard bei den Glasgow Rangers.

"Es gibt so um die 500 Spieler in der Premier League, und ein Drittel davon ist schwarz. Aber wir haben niemanden, der uns in der Hierarchie repräsentiert, niemanden von uns im Trainerteam", sagte Sterling. Es sei nun an der Zeit, "Änderungen umzusetzen und die gleichen Chancen zu geben, nicht nur schwarzen Trainern, sondern unterschiedlichen Ethnien". Das gelte auch für andere Bereiche.

Noch deutlicher wurde einer der prominentesten ehemaligen Sport-Offiziellen Chris Grant, der generell von einem "Apartheidsystem im britischen Sport" sprach und dementsprechend ähnlich wie in Südafrika eine "Wahrheits- und Aussöhnungskommission" fordert. "Es geht dabei nicht darum, jemanden bloßzustellen, sondern um ein Licht auf eine lange anhaltende Problematik zu werfen und diese zu verändern." Er verwies auf unterschiedliche Studien, in denen sich die Probleme auf allen Ebenen offenbaren würden. Demnach würden 38 Prozent der dunkelhäutigen Kinder als "wenig aktiv" gelten, während dies nur auf 29 Prozent der Weißen zutreffe - obwohl Erstere mehr Interesse an sportlicher Betätigung zeigen würden. Im WM-Kader Englands von 2018 seien im 23-köpfigen englischen Kader 8 dunkelhäutige Spieler gestanden - diese würden aber auf anderen Ebenen nicht entsprechend repräsentiert werden. Immerhin gab es unter den 92 Trainern in Englands Ligen weniger dunkelhäutige Trainer als in dieser Mannschaft, sagte Grant. Aktuell ist Nuno Espírito Santo als Wolverhampton-Coach der einzige Dunkelhäutige unter den Premier-League-Trainern.

"Rooney Rule" kommt nicht

Bessere Ausbildungsmöglichkeiten und Chancengleichheit von Beginn an sind demnach zwei der zentralen Forderungen. Mit einer weiteren - der Verpflichtung der Klubs, auch Trainer der BAME ("Black, Asian & Minority Ethnic") vor Stellenbesetzungen zu Bewerbungsgesprächen einzuladen - sind die Initiatoren vorerst gescheitert. Die "Rooney Rule", die es in der National Football League bereits seit 2003 gibt, ist bereits seit einigen Jahren im Verband sowie seit kurzem in den unterklassigen Ligen eingeführt. Allerdings ist auch ihr Erfolg umstritten. Nach ihrer Implementierung stieg die Zahl dunkelhäutiger Coaches in der prestigeträchtigsten Football-Liga der Welt zwar kurzfristig von 6 auf 22 Prozent, zuletzt ist sie aber wieder deutlich gefallen. Dennoch ist man in Großbritannien überzeugt, dass die nunmehrigen Protestaktionen langsam, aber doch Wirkung zeigen könnten - falls die Verantwortlichen tatsächlich vom Knien zum Aufstehen übergehen.