Die Menschen", philosophierte Gian Piero Gasperini, Trainer von Atalanta Bergamo, "sind wie Glut unter der Asche. Langsam, aber sicher wird das Leben zurückkommen." Das war im Mai und der Schock über die Tausenden Toten in der Lombardei, einem der Epizentren der Coronavirus-Pandemie, über die Bilder von überfüllten Leichenhallen und Militärwagen, die Särge abtransportierten, im kollektiven Gedächtnis. Das hat sich freilich noch immer nicht geändert, zu frisch sind die Wunden. Und doch sind mittlerweile wieder andere Bilder hinzugekommen: von wiedererwachendem Leben in der Region und vom Feuer, das tatsächlich auch wieder für den Fußball brennt. Seit die italienische Serie A die Corona-Pause vor nicht ganz einem Monat beendet hat, finden fast täglich Spiele statt. Meister ist noch keiner gekürt, einer der Gewinner steht aber schon fest: Atalanta Bergamo.

Sieben ihrer acht Spiele hat die Mannschaft von Gasperini - der selbst mit Sars-CoV2 infiziert war und von "kriegsähnlichen Zuständen" aufgrund der am Höhepunkt der Krise im Minutentakt rollenden Krankenwagen gesprochen hatte - bisher gewonnen. Und es scheint, als würden sich seine Gedanken von damals bewahrheiten. "Nachts lag ich wach und dachte mir, ich darf nicht sterben. Ich habe noch viel vor." Ein Vorhaben könnte nun der Griff nach dem Vizemeistertitel sein, ein anderes ein Coup in der Champions League und wieder ein weiteres das Knacken einer magischen Tormarke. Denn mit dem 6:2-Heimsieg am Dienstagabend in der 33. Runde gegen Nachzügler Brescia hat Atalanta nun seine Tore mit den Nummern 88 bis 93 in dieser Liga-Saison erzielt. Das sind um 26 mehr, als Tabellenführer Juventus mit Superstar Cristiano Ronaldo auf dem Konto hat. In der Liga dürften die Turiner dennoch bei sechs Punkten Vorsprung und einem Spiel weniger kaum einzuholen sein, doch auch Rang zwei würde Atalantas bestes Abschneiden in der Geschichte bedeuten - in einem Jahr, das für Bergamo gleichsam eines der traurigsten seit jeher ist.

Stetige Entwicklung

Doch der Erfolg kommt nicht von ungefähr. Ab der Neunzigerjahre hatte sich Atalanta jenseits der großen Klubs zu einem Ausbildungszentrum für junge Talente gemausert. Die meisten freilich haben den Verein bald verlassen, doch Gasperini, seit 2016 beim Klub, schaffte es immer wieder aufs Neue, eine schlagkräftige Mannschaft auf die Beine zu stellen, die als Kollektiv agiert und mit Offensivfußball begeistert.

Zudem haben nicht wie früher immer wieder Spieler den Verein verlassen, in den vergangenen Jahren kamen auch punktuelle Verstärkungen beispielsweise aus Südamerika. Der kolumbianische Goalgetter Duvan Zapata ist einer von ihnen. Auch bei ihm hatten manche Fans Sorge, ob er, den es ursprünglich nur als Leihspieler von Sampdoria Genua hierher verschlagen hatte, nach der vergangenen Saison zu halten sein würde. Diese hatte den damals schon sensationellen dritten Platz in der Meisterschaft und damit verbunden die erstmalige Qualifikation für die Champions League gebracht. Doch anstatt nach Genua zurückzugehen oder wieder weiterzuziehen, ist er offenbar gekommen, um zu bleiben. Im Winter überwiesen die Lombarden zwölf Millionen Euro an Sampdoria, womit Zapata fix gebunden werden konnte.

Denn auch der 29-Jährige hat noch viel vor. Abgesehen von der Meisterschaft hat Atalanta auch in der Champions League einen für einen Debütanten beachtlichen Lauf hingelegt. Beim Finalturnier in Lissabon trifft die Mannschaft im Viertelfinale im August auf Paris Saint-Germain. Gewiss ein großer Brocken und sowohl gemessen an den Namen sowie am Marktwert mit einem Verhältnis 788,45 zu 266,50 haushoch überlegen. Doch wie sagte Zapata schon im Vorjahr? "Mit unserer mentalen Kraft überwinden wir jede Hürde." Doch welch Hürde sich Bergamo außerhalb des Platzes entgegenstellen würde, konnte selbst er freilich damals noch nicht erahnen.