Es ist eine Hochschaubahn der Gefühle, die Leeds United derzeit durchmacht, doch dafür ist der Verein aus Yorkshire ohnehin bekannt. Vergangene Woche erst musste er den Tod seines Rekordspielers Jack Charlton bekanntgeben, der den Verein über zwei Jahrzehnte lang mitgeprägt hat und Mitglied einer Mannschaft war, die nach einer Berg- und Talfahrt in den Sechzigern und Siebzigern doch einige Erfolge feiern konnte. Kurz davor gedachte man des 20. Todestages jener zwei Leeds-Fans, die vor dem Uefa-Cup-Halbfinale gegen Galatasaray 1999/2000 erstochen worden waren. Sportlich freilich war dies nach den Siebzigern die zweite Erfolgsära des Klubs, der im Jahr darauf auch in der Champions League das Halbfinale erreichte (und dort gegen Valencia verlor). "Meine Spieler waren absolut furchtlos", erinnert sich der damalige Trainer David O’Leary in einem Gastbeitrag für den "Guardian". Es sollte bis dato der letzte große Coup der Peacocks bleiben. Nach einer Ära des Niedergangs, der wirtschaftlichen wie sportlichen Turbulenzen, die zum Beinahe-Bankrott, zu Gerichtsverfahren und zwischenzeitlich zum Zwangsabstieg in die dritte Liga führten, kehrt der Tabellenführer der Championship, der zweiten englischen Liga, in die Premier League zurück. Und das Attribut "furchtlos" trifft auch auf die Mannschaft von Marcelo Bielsa zu.

Nach dem donnerstägigen 1:0 gegen Barnsley mit dem österreichischen Trainer Gerhard Struber sowie dem rot-weiß-roten Verteidiger Michael Sollbauer, der Leeds mit einem Eigentor unfreiwillig zum Sieg verhalf, durften die Whites am Freitagabend von der Couch aus den Aufstieg feiern. Weil Verfolger West Bromwich bei Huddersfield Town mit 1:2 patzte, ist Leeds nicht mehr von den Aufstiegsrängen zu verdrängen.

Mit einem Punkt am Sonntag bei Derby County wäre man auch so aus eigener Kraft durch gewesen. Doch während im Internet schon am Donnerstag die Gratulationen eintrudelten, sagte Bielsa noch: "So lange es mathematisch ist, denken wir nicht daran." Der Argentinier ist seit 2018 Coach an der Elland Road und mindestens ebenso legendär wie die Heimstätte der Whites, die als eine der atmosphärischsten und einschüchterndsten im europäischen Klubfußball gilt. Corona-bedingt merkt man derzeit freilich nichts davon, doch das könnte sich bald ändern, wenn wieder Zuschauer in Stadien zugelassen werden und United erstmals nach 16 Jahren wieder in der ersten Liga spielt. Sogar in der dritten Liga - in die man 2007 als absoluten Tiefpunkt relegiert wurde - besuchten mehr als 20.000 Menschen die Spiele.

Der Trainer ist der Star

Bielsa wird nicht nur von den eigenen Fans als Baumeister des Erfolgs angesehen. Wenn er sagt, er habe es nicht so mit der Mathematik, stimmt das nur bedingt, ebenso wie der von ihm präferierte wilde Offensivstil, den er seinen Mannschaften beibringen will, nur scheinbar chaotisch ist. Der 64-Jährige ist ein akribischer Tüftler, der seine Spieler zig Varianten einstudieren lässt, mit denen er den Gegner ein ums andere Mal überraschen kann. Dass er in seinen vier Jahrzehnten als Trainer - nach einer kurzen und durchschnittlichen Spielerkarriere - nur vier Titel geholt hat, tut der Popularität des früheren argentinischen Teamchefs keinen Abbruch. Als einer seiner größten Bewunderer gilt Manchester-CityTrainer Pep Guardiola, mit dem es nun kommende Saison zu einem Wiedersehen auf dem Platz kommen dürfte.

Verkauf des Tafelsilbers

Zudem hat sich Leeds United mittlerweile konsolidiert. Die Probleme, die zum Beinahe-Aus des Traditionsklubs geführt hatten, hatten nach dem Champions-League-Halbfinale unter O’Leary 2001 begonnen. Anstatt des sportlichen Erfolgs wuchs daraufhin durch falsche Kalkulation nur noch der Schuldenberg, der auch durch eine Verscherbelung des Tafelsilbers in Form von Stars à la Rio Ferdinand - der daraufhin eine Manchester-United-Ära prägen sollte - und Vereinsinfrastruktur nicht komplett abgebaut werden konnte. Probleme machten immer wieder auch exzentrische Klubeigentümer wie Ken Bates und Massimo Cellino, der wegen Steuervergehen schon mehrfach für Funktionen im Fußball gesperrt war. Als er seine Anteile vor drei Jahren an Andrea Radrizzani verkaufte, äußerte er sich in seinem Dank an die Fans durchaus selbstironisch: "Wenn ihr mit mir überleben könnt, könnt ihr alles überleben."

Unter Radrizzani wurde das Stadion wieder zurückgekauft, auch sonst ist vorerst Ruhe eingekehrt. Es war die Ruhe vor dem Sturm in die Premier League. Denn auf der Hochschaubahn der Gefühle sind die Peacocks momentan wieder obenauf.