Präsidenten des Weltfußballverbandes Fifa sind für ein recht ausgeprägtes Maß an Sitzfleisch bekannt. Auch bei Sepp Blatter, der sich von 1998 bis 2015 als Sonnenkönig des Fußballs gerierte, wackelte der Thron einige Male ordentlich, ehe er im Zuge des bisher größten (aufgedeckten) Fifa Korruptionsskandals dann doch umfiel. Sein Nachfolger Gianni Infantino war mit dem Versprechen angetreten, den Verband von Grund auf zu reformieren. Doch längst sind auch auf der Weste des vermeintlichen Saubermanns dunkle Flecken aufgetaucht. Die Rücktrittsankündigung des Schweizer Bundesanwalts Michael Lauber bringt den Italo-Schweizer, der in seiner verhältnismäßig kurzen Amtszeit auch schon so manchen Sturm überstanden hat, nun zusätzlich in die Bredouille.

Lauber soll gegenüber Sonderermittlern über ein geheimes Treffen mit Infantino aus dem Jahr 2017 - also während seine Behörde eigentlich Untersuchungen gegen die Fifa führte - gelogen haben, hielt das Schweizer Bundesgericht nun fest. Der langjährige Jurist hatte angegeben, sich nicht mehr an das Treffen erinnern zu können. "Solche Erinnerungslücken sind absurd", erklärte das Gericht. Unmittelbar danach teilte Lauber mit, er habe zwar nicht die Unwahrheit gesagt, werde sein Amt aber "aus Sorge um die Reputation der Institution" zur Verfügung stellen.

Nach mehreren Treffen mit ihm musste Bundesanwalt Lauber gehen. - © afp/Fabrice Coffrini
Nach mehreren Treffen mit ihm musste Bundesanwalt Lauber gehen. - © afp/Fabrice Coffrini

Das könnte auch Folgen für Infantino und die Fifa haben. Denn in einer Strafanzeige wird ihm vorgeworfen, Lauber zu Amtsmissbrauch, Amtsgeheimnisverrat sowie Begünstigung angestiftet zu haben. Offiziell sieht die Fifa kein Problem. Das Treffen sei nichts Unanständiges gewesen, Infantino habe Lauber lediglich seine volle Kooperation in den Ermittlungen zugesichert. In diesen ging es - unter anderem - um mögliche Korruption bei der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katar. Als die Wahl 2010 geschlagen wurde, war Infantino allerdings noch nicht Präsident, sondern als Generalsekretär der europäischen Konföderation Uefa die rechte Hand des im Fußball ebenfalls in Ungnade gefallenen damaligen Präsidenten Michel Platini. Doch auch dieser, dem ebenfalls eine zwielichtige Rolle rund um die WM-Vergabe an Katar vorgeworfen wird, stichelt mittlerweile gegen seinen einstigen höchsten Funktionär. Infantino sei ein Opportunist, der seinen Posten "durch eine clevere Kombination von Umständen ohne besondere Legitimität" erhalten habe. Tatsächlich trat Infantino als Fifa-Präsidentschaftskandidat erst durch den erzwungenen Rückzug Platinis vor den Vorhang - ehe er die Wahl gegen den bahrainischen Scheich Salman bin Ibrahim Al Khalifa gewann. Für viele kam das überraschend - doch die Argumente moralischer und viel mehr finanzieller Natur haben offenbar schwer gewogen.

Auch Blatter ätzt

Mittlerweile hat er aber viele einstige Anhänger enttäuscht. Zwar hielt er das Wahlzuckerl, mehr Geld als die Verbände zu verteilen, ein, doch das bescherte dem Weltverband neben den unzähligen juristischen Auseinandersetzung auch ungeahnt knappe Kassen - und Infantino Ideen, den Fußball weiter auszuquetschen, die nicht bei allen auf Begeisterungsstürme stießen. Und das mit der Moral ist so eine Sache. Denn ganz im Stile Sepp Blatters verstand es der 50-Jährige von Anfang an, sich unliebsamer Gegner zu entledigen.

Lauber hingegen war nicht dafür bekannt, den Fußballgranden einst und heute besonders hart auf die Füße zu steigen. Zuletzt hatte sich das Verfahren gegen die einstige Verbandsspitze des DFB rund um die Sommermärchenaffäre so lange verzögert, bis die Vorwürfe verjährt waren. Und auch jene Razzia 2015 am Rande des Kongresses in Zürich, bei der zahlreiche Funktionäre festgenommen wurden und Blatters jähes Ende schließlich besiegelt wurde, war nicht durch eidgenössische Ermittlungen, sondern jene der US-Justiz ins Rollen gekommen. Zuletzt bestätigte Blatter auch, dass sein Rückzug auf deren Betreiben erfolgt sei. "Sie sagten: ,Dein Kopf muss weg‘", erzählte Blatter zuletzt der Nachrichtenagentur Keystone-sda.

Auch der mittlerweile 84-Jährige hat nur noch scharfe Worte für seinen Nachfolger übrig. "In seinem Hochmut redet er auch nicht mehr mit Verbandspräsidenten, sondern nur noch mit Staatschefs." Infantino sei "von sich eingenommen", "in die Megalomanie gegangen" und wolle "aus dem Fußball eine riesige Geldmaschine machen". Zudem nährte Blatter die Spekulationen, Infantino sei mit Hilfe von Kontakten zur Schweizer Justiz zum großen Profiteur des Fifa-Skandals geworden. "Es scheint, dass Infantino den Weg auf das Fifa-Präsidium freiräumen wollte", sagte Blatter. Einer dieser mutmaßllichen Kontakte bricht mit Lauber nun schon einmal weg - und damit möglicherweise auch ein Bein des Throns.