Einst war es der Stolz einer ganzen Region, ja eines ganzen Bundeslandes: Nun steht das Projekt SV Mattersburg im Profifußball wirtschaftlich vor den Scherben seiner Existenz – und sportlich vor dem Rückfall in die Bedeutungslosigkeit. Was seit dem jähen Aus der Commerzialbank vermutet wurde, ist seit Mittwochnachmittag amtlich: Der Lizenzierungsausschuss der Bundesliga leitet ein Verfahren gegen den Klub ein. Damit wird ein Abstieg jenes Vereins, der seit 2003 mit einer kurzen Unterbrechung in der Bundesliga und zweimal im Europacup spielte sowie in seinen Glanzzeiten Spieler à la Didi Kühbauer und bis zu Zehntausend Fans ins Pappelstadion brachte – um etwa 3000 mehr, als Mattersburg Einwohner hat – in den Amateurbereich immer wahrscheinlicher.

Zwar ist Corona-bedingt der Zwangsabstieg im Falle eines Sanierungsverfahrens ausgesetzt, allerdings nur dann, wenn der Spielbetrieb gesichert ist. Selbst dann - und das scheint nach dem Wegfall des größten Geldgebers alles andere als sicher – müssten die Burgenländer mit sechs Punkten minus in die kommende Saison starten und weitere Sanktionen in Kauf nehmen. Vorerst müssen sie bis Donnerstag kommender Woche den Nachweis erbringen, dass die für den Erhalt der Lizenz nötigen Kriterien erfüllt sind. Dies umfasse sportliche, personelle, rechtliche und infrastrukturelle Kriterien, ließ die Bundesliga wissen. Der Klub sei gefordert, seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit insbesondere im Hinblick auf die kommende Saison nachzuweisen.

Sponsorverträge womöglich gefälscht

Am Mittwoch Abend war der Online-Ausgabe des "Standards" zu entnehmen, dass offenbar auch die Sponsorverträge der Mattersburger Commerzialbank mit dem SV Mattersburg gefälscht worden waren. Dieser Verdacht erschließt sich laut der Zeitung aus den laufenden Ermittlungen. Konkret dürfte es sich dabei etwa um künstlich aufgeblasene Sponsorzahlungen der Energie Burgenland drehen.

Das Unternehmen unterstützt den Fußballverein seit der Saison 2005/2006 "mit einem Betrag im mittleren fünfstelligen Bereich", wie seine Sprecherin Hannelore Halwax auf Anfrage der Zeitung erklärte. Die erste Sponsoringvereinbarung sei noch vom Vorgängerunternehmen der heutigen Energie Burgenland eingegangen worden. Die Gegenleistungen des SV Mattersburg würden erbracht, so die Unternehmenssprecherin.

Der Haken: Die Sponsoringzahlungen sollen in der Bank wesentlich höher dargestellt worden sein, ohne Wissen des Energieversorgers. Auf diese Weise könnte es auch zu einem Schwindel-Sponsoring von Wüstenrot für die burgenländischen Fußballer gekommen sein. Wüstenrot jedenfalls sponsert den Verein nicht, erklärt das Unternehmen laut "Standard". Auch die Skandalbank selbst war Sponsor des SVM.

Wie groß der Teil des Budgets des Vereins aus Schwindel-Krediten ist, sollen weitere Einvernahmen von Exbankchef Martin Pucher ergeben. Er war bis vor kurzem Präsident des Fußballklubs und früher auch Präsident der österreichischen Bundesliga.

Trainer Ponweiser: "Es ist genug"

Mittwoch Abend war jedenfalls klar, dass dem SV Mattersburg nun auch der bisherige starke Mann in sportlichen Fragen abhanden kommt. Trainer und Sportchef Franz Ponweiser wird den Verein verlassen. "Meine persönliche Zukunft wird bestimmt nicht beim SV Mattersburg sein", sagte Ponweiser am Mittwochabend im ORF. Der 44-Jährige, der seit Juli 2015 in verschiedenen Funktionen in Mattersburg tätig war, erklärte: "Ich bin schon stark, aber irgendwann muss man sich sagen und auch zugeben, es ist genug und man muss vielleicht wieder etwas anderes machen."

"Genug ist genug", sagt der nunmehrige Ex-Trainer Franz Ponweiser. - © APAweb / Hans Punz
"Genug ist genug", sagt der nunmehrige Ex-Trainer Franz Ponweiser. - © APAweb / Hans Punz

Sowohl der ORF als auch Sky brachten ihn mit einem Wechsel zum Österreichischen Fußball-Bund (ÖFB) in Verbindung. Ponweiser wollte dies gegenüber der APA am Mittwochabend nicht kommentieren, erklärte lediglich: "Ich werde meine Zukunft morgen bekanntgeben."

Rapid Amateure könnten in die zweite Liga nachrücken

Auch beim Verein ist freilich ebenfalls ein freiwilliger Rückzug möglich – das würde auch anderen Klubs mehr Planungssicherheit geben. Denn eine sportjuristische Auseinandersetzung durch alle Instanzen würde mehrere Wochen dauern.

Die Zeit drängt: Die meisten Klubs haben schon diese Woche das Training für die kommende Saison aufgenommen. Im Falle eines Abstiegs aus dem Profifußball würde WSG Tirol in der Bundesliga bleiben. Damit die zweite Liga nicht mit 15 Klubs starten muss, könnten die Rapid Amateure nachrücken.

Die Zweitteams der Hütteldorfer und von Sturm Graz wären grundsätzlich aufstiegsberechtigt. Die Grazer haben im Gegensatz zu Rapid gegenüber der Bundesliga aber kein Interesse angemeldet, bestätigte ein Ligasprecher am Mittwoch der APA - Austria Presse Agentur. Das Thema Aufrückung müsse laut Liga-Angaben aber noch mit dem ÖFB besprochen werden, geht es doch um die Zusammenstellung der unter dessen Schirmherrschaft stehenden Regionalligen für die kommende Saison. Diese sollten laut einem Grundsatzbeschluss nach dem Corona-bedingten Abbruch der vergangenen Spielzeit eigentlich in derselben Zusammensetzung wie 2019/20 gespielt werden. Der Ausnahme einer Aufrückung der Rapid Amateure müssten daher das ÖFB-Präsidium und die beteiligten Landesverbände zustimmen. Dieser Prozess sei aber bereits im Laufen, hieß es von der Liga. Diese will sich vorsorglich für den Fall rüsten, dass den Mattersburgern in Folge des Bilanzskandals um ihren maßgeblichen Sponsor Commerzialbank Mattersburg die Lizenz entzogen werden muss.

Noch ist dies nicht besiegelt. Doch einen Schritt sind die Burgenländer dem Abgrund am Mittwoch nähergekommen. Und der ist tiefer, als das Rosaliagebirge hoch ist.