Er war als Strahlemann des Fußballs angetreten, als jemand, der den Sumpf austrocknen wollte, in dem seine Vorgänger Joseph Blatter und Joao Havelange über Jahrzehnte hinweg Korruption und Amtsmissbrauch trefflich gedeihen ließen. Doch nun könnte Gianni Infantino selbst tiefer darin stecken, als diese beiden es jemals geschafft haben – oder besser: als man es ihnen nachweisen konnte. Jedenfalls wurde gegen den Präsidenten des Weltfußballverbandes in der Schweiz nun ein Strafverfahren eröffnet, wie die Behörden am Donnerstag mitteilten. Hintergrund sind Treffen zwischen Infantino, einem ebenfalls ins Visier geratenen Staatsanwalt sowie Bundesanwalt Michael Lauber, der sich darob schon in der Vorwoche zum Rückzug gezwungen sah.

Infantino wird vorgeworfen, Lauber zu Amtsmissbrauch, Verletzung des Amtsgeheimnisses und Begünstigung angestiftet zu haben, was freilich beide bestreiten. Während Lauber in den Sonderuntersuchungen angegeben hatte, sich an keine Treffen erinnern zu können – was das Gericht als "absurd" und "erlogen" bezeichnete –, dementierten Infantino und die Fifa nicht, dass Gespräche stattgefunden hätten. Demnach sei es aber lediglich darum gegangen, dass der Italo-Schweizer der Behörde seine volle Kooperation zugesagt hätte.

Schließlich ermittelte diese zu diesem Zeitpunkt wegen Korruption in den Reihen des Weltverbandes rund um die Vergabe der WM-Turniere 2018 an Russland sowie 2022 an Katar. Infantino war zum Zeitpunkt der umstrittenen Doppelwahl im Dezember 2010 noch nicht Fifa-Präsident, sondern als Generalsekretär der europäischen Konföderation die rechte Hand des im Fußball mittlerweile ebenfalls übel beleumdeten Michel Platini.

Die Platini-Katar-Connection

Dieser galt stets als Unterstützer Katars, sein Motiv als fragwürdig. Unter anderem die seither in den französischen Fußball geflossene Unterstützung aus dem Wüstenemirat sowie ein Treffen zwischen den Scheichs, Platini sowie dem damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy weckte so manche Assoziationen – zu einer (strafrechtlichen) Verurteilung Platinis kam es aber nie.

Michel Platinis Verbindungen zu Katar haben ebenfalls Verdacht erregt. - © APAweb / afp, Valery Hache
Michel Platinis Verbindungen zu Katar haben ebenfalls Verdacht erregt. - © APAweb / afp, Valery Hache

Überhaupt haben es Sportfunktionärsgranden immer wieder verstanden, ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Blatter selbst hat es lange vorgemacht – ehe er 2015 nach einer legendären Razzia vor dem Fifa-Kongress jenes Amt, das er seit 1998 ausgeübt hatte, auf Druck der US-Justiz zur Verfügung stellen musste. "Sie wollten meinen Kopf", bestätigte er kürzlich – und nährte Spekulationen, wonach Infantino bei seinem Aufstieg auch seine Kontakte zur Schweizer Justiz genützt hätten.

Loskugeln und Zuckerl

Öffentlich war damals davon zumindest nichts bekannt – wie überhaupt recht wenig über ihn bekannt war, bestanden seine öffentlichen Auftritte doch zumeist darin, die Kugeln aus den Lostöpfen für Uefa-Bewerbe zu ziehen. Nebenbei hatte er sich aber bereits ein beträchtliches Netzwerk in zahlreiche Verbände gesponnen, das ihm zur für viele überraschenden Wahl verhalf. Zudem hatte Infantino finanzielle Zuckerl in Aussicht gestellt, die Beiträge an die Mitglieder haben sich seit damals vermehrfacht.

Auch zuletzt hatte sich die Fifa generös gegeben. Erst am Mittwoch bewilligte der Weltverband ein neues Corona-Hilfspaket mit einem Volumen von 1,5 Milliarden Dollar für die nationalen Verbände. "Dieser Hilfsplan ist ein herausragendes Beispiel für die Solidarität und das Engagement im Fußball in dieser außergewöhnlichen Zeit", hatte Gianni Infantino nicht ohne Stolz erklärt. Doch mit der Solidarität dürfte es nun eng werden, der Glanz an seiner Strahlemann-Fassade endgültig dahin sein.