Vor dem Spielereingang des Pappelstadions stehen Grablichter, im Internet regnet es Beileidsbekundungen. Auf dem Twitteraccount des SV Mattersburg, auf dem am 30. Juni noch in großen Lettern das Wort "Klassenerhalt" prangte, sind jetzt nur noch drei Buchstaben zu lesen: "RIP".

Gerade einmal fünf Wochen sind seither vergangen, fünf Wochen, innert derer der Bilanzskandal um die Commerzialbank Mattersburg das Schicksal des Vereins, dessen Klubchef Bank-Vorstand Martin Pucher war, besiegelt hat. Zwar hätte man wohl ein (geringeres) Budget aufstellen können - der SVM wies zuletzt rund elf Millionen Euro auf und damit mehr als andere Nachzüglerteams -, doch die "Lawine, die auf den Fußballklub zurollt, ausgelöst durch die Commerzialbank, wäre aus meiner Sicht völlig unabsehbar gewesen", wie Liga-Vorstand Christian Ebenbauer festhielt.

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Seit der Schließung der Bank in der Nacht auf den 15. Juli habe es zahlreiche Gespräche in diese Richtung gegeben. Zunächst wollten die verbliebenen Mattersburg-Funktionäre unter Führung von Hans-Georg Deischler samt Mitarbeitern und Helfern wie Ex-Kapitän Nedeljko Malic zunächst nicht aufgeben und Geld lukrieren, "aber die Umstände machen es leider unmöglich, den SVM - wie wir ihn kannten - weiterzuführen", erklärte Deischler nach der Mitgliederversammlung und führte gegenüber Journalisten aus: "Der SV Mattersburg ist seit 14. Juli zahlungsunfähig, seit das mit der Bank passiert ist. Es hat Gespräche mit Investoren, Gönnern gegeben. Aber aufgrund der großen Unsicherheit dieses Kriminalfalls . . . Man weiß nicht, was der Masseverwalter der Bank fordert - wie will man das bedienen? Da springt jeder Investor ab." Zudem wäre auch ein Ausschluss im Raum gestanden, weil noch nicht klar ist, ob und wie der Klub von strafrechtlich relevanten Vorgängen in der Bank profitiert hat.

Tirols zweite Chance

Mit dem freiwilligen Konkursantrag sowie der Rückgabe der Bundesliga-Lizenz und dem damit verbundenen Ausscheiden aus dem Profifußball kamen die Burgenländer dem für die Lizenzierung zuständigen Senat 5, der am Donnerstag ein erstes Urteil hätte treffen wollen, jedenfalls zuvor. Die Ausschöpfung des Instanzenzuges hätte mehrere Wochen in Anspruch nehmen können - womit erster und zweiter Liga und allen ihren Klubs ein Planungschaos und Entscheidungen am grünen Tisch gedroht hätten.


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Nun steht immerhin fest, dass die WSG Tirol, die sportlich eigentlich den Kampf gegen den Abstieg verloren hat, in der Liga (und damit auch im Tivoli-Stadion) bleibt und die Planungen, die zuletzt zweigleisig gefahren wurden, in diese Richtung konzentrieren kann. Für die zweite Liga hätten nur fünf Spieler einen gültigen Vertrag gehabt, für die erste sind es immerhin 14; auch neue Transfers können nun theoretisch getätigt werden. Zwar zeigten sich auch die Tiroler erleichtert, nun Gewissheit zu haben, Euphorie oder gar Schadenfreude kam aber keine auf. "Man freut sich nicht, wenn es jemandem anderen schlecht geht", hatte WSG-Sportdirektor Stefan Köck schon bei Bekanntwerden der Turbulenzen betont. Man werde nun aber versuchen, die unverhoffte zweite Chance zu nützen, betonte er.

Nachwuchs-Klub soll kommen

Auch die Fans anderer Vereine versuchten sich in Aufmunterungsparolen, schließlich ist Mattersburg nicht der erste mehr oder minder prominente Profiklub, der aufgrund eines Konkurses zumindest für einige Zeit von der Bildfläche verschwindet. Kommentare à la: "Als Tirol/GAK/Lustenau-Fan weiß ich, dass es auch wieder aufwärts geht", machen die Runde im Internet.

Doch während diese Klubs sich durch Sanierungsverfahren, Neugründungen oder Fusionierungen mehr oder weniger derappelt haben, wird es in Mattersburg - und damit im gesamten Burgenland - wohl auf lange Sicht keinen Profifußball mehr geben. Immerhin beschloss die Mitgliederversammlung einstimmig, dass unabhängig davon ein neuer Verein für Nachwuchsmannschaften in Mattersburg gegründet werden soll. In welcher Form, soll in den kommenden Tagen bekanntgegeben worden, erklärte Deischler.

Das ist auch wichtig für die Akademie, für deren Fortbetrieb sich der durch seine Aussagen zur Causa Commerzialbank in Turbulenzen geratene SPÖ-Landeshauptmann Hans-Peter Doskozil bereits ausgesprochen hat. Die Anteile des SVM - 35 Prozent - fließen allerdings in die Konkursmasse. Das der Stadt gehörende 15.700 Zuschauer fassende Pappelstadion, das samt den namensgebenden Bäumen und seiner Nachbarschaft zu dem Viadukt fast zu einem Wahrzeichen des Bezirkes geworden ist und in dem in früheren Zeiten auch damals populäre Speedway-Rennen stattgefunden haben, wird aber wohl vorerst verwaisen. Irgendwann werden dann auch die Grabkerzen weggeräumt werden.