Es ist ein Duell der Gegensätze, der Rekorde - und gleichzeitig eines, das gängige Klischees Lügen straft. Wenn sich der FC Sevilla und Inter Mailand am Freitag im Finale der Europa League (21 Uhr/Puls 4, RTL, Dazn) in Köln gegenüberstehen, geht es nicht nur um die Trophäe im zweitwichtigsten Klubbewerb, sondern auch darum, ob die Andalusier ihre beeindruckende Sammlung von fünf Uefa-Cup- respektive Europa-League-Titeln ausbauen können - oder die einst so stolzen Mailänder eine nun schon neun Jahre währende Titellosigkeit beenden können. 2011 holten sie zuletzt die Coppa Italia, nachdem sie im Jahr zuvor als erster italienischer Verein und unter einem gewissen José Mourinho das Triple aus Champions League, Cup und Liga abgestaubt hatten.

Danach ging aber nicht mehr viel, national war vor allem an Serienmeister Juventus kein Vorbeikommen - auch heuer nicht, obwohl die Serie A diesmal so viel Spannung bot wie schon lange nicht und die Mailänder als Zweite eine ihrer stärksten Saisonen seit langem gespielt haben. Diese wollen sie nun dafür in der Europa League mit einem Finalsieg krönen. "Wir sind bereit für Großtaten", sagt Lautaro Martinez vor dem Finale, das Inter am Montagabend mit einem 5:0-Sieg gegen Schachtar Donezk erreichte.

Der argentinische Angreifer ist im Duett mit Romelu Lukaku einer der Erfolgsfaktoren im Mailänder Ensemble. Beide erzielten gegen Schachtar je zwei Tore und waren damit maßgeblich verantwortlich für den letztlich klaren Erfolg, der über längere Phasen des Spiels in der Form gar nicht so absehbar war. Zwar war Inter dominant, wirkliche Glanztaten gab es aber länger nicht. Doch auf die Tormaschine an vorderster Front ist Verlass - womit Inter den unausrottbaren, aus der Vergangenheit rührenden Glauben, der italienische Fußball beschränke sich auf torarmen und wenig ansehnlichen Catenaccio, immer wieder widerlegt. Die Liga haben die Mailänder mit 81 Toren aus 38 Spielen beendet. Das sind zwar weniger als Atalanta, das mit 98 Treffern nur knapp an der Hundertermarke vorbeischrammte, aber immer noch mehr als Meister Juve.

Finalgegner Sevilla indessen hat die Primera División als Vierter mit 54 Treffern abgeschlossen. Ein klarer Favorit lässt sich vor dem Finale dennoch nicht ausmachen. Während Inter im Halbfinale den besseren Eindruck hinterließ, gibt es kein Team, das im zweitwichtigsten europäischen Klubbewerb dermaßen Final-erprobt ist wie Sevilla. Fünf Mal standen die Andalusier im Finale, fünf Mal haben sie es gewonnen. Dementsprechend vorsichtig ist Antonio Conte, der Trainer der Italiener. "Viele von uns erleben das erste Mal so ein Spiel. Sevilla dagegen hat extrem viel Erfahrung", sagt er. Ganz ohne Euphorie ging es dann am Montagabend aber doch nicht. "Die Spieler verdienen jedes Lob. Wir haben so gespielt, dass Schachtar wie ein Durchschnittsteam ausgesehen hat." Zumindest das ist im Duell der Gegensätze am Freitag aber nicht zu erwarten.