3:0, 2:7, 2:3, 2:0, 0:6, 3:1, 0:3, 4:1, 2:8: Das ist nicht die Zahlenreihe der aktuellen Play-off-Ergebnisse in der nordamerikanischen Eishockeyliga NHL, sondern es sind die Ergebnisse des FC Bayern München in der diesjährigen Champions- League-Saison: 9 Spiele - 9 Siege - 39 geschossene Tore. Nicht gegen irgendwelche Königsklassen-Greenhorns, sondern gegen die Creme de la Creme des europäischen Fußballadels: Tottenham Hotspur, FC Chelsea, FC Barcelona - je prominenter der Gegner, desto höher wurde er von den Bayern abgefertigt. Die Londoner Klubs kassierten zehn (Tottenham) beziehungsweise sieben Stück (Chelsea), Barcelona im Viertelfinale in einem Spiel bekanntlich deren acht. Dagegen kann sich Olympiakos richtiggehend glücklich schätzen, dass in der Vorrunde gegen David Alaba und Co. lediglich 2:3 beziehungsweise 0:2 verloren wurde.

Womit sich vor dem zweiten Champions-League-Halbfinale - das erste entschied PSG gegen RB Leipzig mit 3:0 klar für sich - zwischen dem deutschen Rekordmeister und Olympique Lyon (Mittwoch, 21 Uhr/Sky und Dazn) die Frage stellt, wie denn die französische Überraschungself den unwiderstehlich Richtung Triple rasenden Bayern-Express stoppen will. Auch, wenn sich OL als Riesentöter einen Namen gemacht und nach Juventus auch Manchester City aus dem Bewerb befördert hat, ist bei den Bayern das Selbstvertrauen gewaltig groß: "Wir sind einfach gut drauf", brachte es Kapitän Manuel Neuer vor dem Spiel im Estadio Jose Alvalade auf den Punkt.

Der Langzeit-DFB-Teamgoalie sieht sein Team heuer wieder für Großes bereit. "Ich denke, dass wir Wettbewerbstypen alle wirklich hungrig sind und auch mental so fit sind im Moment, dass wir einfach da sind, auch vom Kopf her." Nach den Titelgewinnen in der deutschen Bundesliga und dem DFB-Pokal soll der dritte Champions-League-Sieg der Klubgeschichte eine Saison nach Maß unter Trainer Hansi Flick gebührend abrunden. Seit dem Gewinn der Trophäe 2013 - auch damals gab es das Triple - standen die Bayern nicht mehr in einem Endspiel der Königsklasse. "Wir wissen, dass noch ein hartes Stück Arbeit ansteht, um am Ende das zu schaffen, was wir wollen. Ganz oben zu stehen", betonte Flick, der sich mitten in der Saison als Niko-Kovac-Nachfolger vom Interims- zum unantastbaren Chefcoach hochgedient hat.

Der ehemalige Assistent von DFB-Teamchef Joachim Löw weiß zudem seit dem historischen 7:1 der Deutschen im WM-Halbfinale gegen Brasilien 2014, wie man mit einer Sternstunde wie jener gegen Lionel Messi und Co. umgehen muss. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge jedenfalls spürte kein Anzeichen von Abgehobenheit: "Ich war nach dem Spiel in der Kabine. Da war keine Party, da ist keiner ausgeflippt. Die Mannschaft ist total fokussiert und wird total seriös das Halbfinale angehen."

Die Dominanz des deutschen Rekordmeisters soll nun auch der frühere französische Serienchampion (2002 bis 2008) zu spüren bekommen. Lyons Profis überraschten dabei in Lissabon auch ihren Langzeit-Klubchef. Der 71-jährige OL-Boss Jean-Michel Aulas war vor wenigen Wochen noch völlig konsterniert, als die Ligue 1 wegen der Coronavirus-Pandemie abgebrochen worden war - und so Lyon vom enttäuschenden siebenten Platz nicht mehr wegkam. Damit schien besiegelt, dass der Traditionsklub erstmals seit 1996 international nicht vertreten ist. Nun besteht noch die kleine Chance eines Dacapo - allerdings nur mit dem Titelgewinn.

"OL braucht ein Kunststück"

Trainer Rudi Garcia hat jedenfalls große Lust auf eine weitere Sensation. "Der Appetit kommt mit dem Essen. Unser Selbstvertrauen ist gewachsen", sagt der Coach, der auf Tempovorstöße in der Offensive von Memphis Depay und Co. setzt. Garcia bleibt aber Realist: "Wir sind die Außenseiter gegen die Bayern. Jetzt ist ein weiteres Kunststück nötig."