Unglaublich, aber wahr: Die Grande Nation war genauso oft Fußball-Weltmeister wie Europapokalsieger. Während die zwei Sterne auf der Brust der Tricolore-Trikots für die Titel 1998 und 2018 Frankreich tatsächlich zu einer Größe im Weltfußball machen, ist das Abschneiden der Klubs in 65 Jahren Europacup-Historie beinahe ein Desaster. Ein einziger Champions-League-Titel (1993), der aufgrund der später aufgeflogenen kriminellen Machenschaften bei Olympique Marseille zudem einen üblen Beigeschmack hat, und ein Pokalsieger-Triumph anno 1996 durch Paris Saint-Germain - Rapid-Fans erinnern sich leidvoll daran - stellen eine äußerst magere Bilanz dar. Zum Vergleich: Spitzenreiter Spanien hat auf der europäischen Bühne 42 Mal zugeschlagen, Verfolger England 34 und Italien 29 Mal. Selbst Deutschland konnte 17 Mal einen der einst drei Europapokal-Bewerbe für sich entscheiden.

Doch heuer gibt es ein kräftiges Lebenszeichen vom Land des aktuellen Weltmeisters (da es nie eine Blütezeit gab, wäre die Bezeichnung Renaissance nicht angebracht). Mit PSG hat - nach dem 3:0-Erfolg über RB Leipzig - wieder ein Team der Ligue 1 die Chance auf die höchste Fußball-Klubtrophäe der Welt; und mit Halbfinalist Olympique Lyon - am Mittwochabend im zweiten Halbfinale gegen den FC Bayern im Einsatz - stellt man das Sensationsteam der Post-Corona-Königsklasse dank Erfolgen über Juventus Turin und Manchester City.

Dabei waren die Franzosen auch heuer "nur" mit drei Fixstartern in die Champions League gegangen (OSC Lille war in der Gruppe mit Valencia, Chelsea und Ajax chancenlos): Als Fünfter der Uefa-Fünfjahreswertung konnte der Abstand zum Vierten, der vier Königsklassenstarter stellen darf, trotz der Erfolge aber nicht wirklich verringert werden - denn jener Vierte ist eben Deutschland.

Horrender Verlust für Ligue 1

Ein Erfolgsfaktor der starken Leistungen liegt laut Experten ausgerechnet am Corona-Virus: Während alle großen Ligen länger zuwarteten (und auch jede kleinere Liga alles daransetzte), um dann mit Geisterspielen neu durchzustarten, wurde in Frankreich die Meisterschaft recht früh für beendet erklärt. So kam etwa PSG mit nur zwei Pflichtspielen in gut fünf Monaten (jene im Pokal) und damit recht ausgeruht zum Finalturnier nach Lissabon. Dass das Millionärs-Ensemble alles andere als eingespielt wirkte, war unübersehbar - die schweren Beine von Viertelfinalgegner Atalanta, der bis kurz davor Meisterschaft spielen musste, waren es aber ebenso. Am Ende drehte der französische Serienmeister mit zwei späten Toren die Partie. Auch Juventus und ManCity fehlte gegen Lyon die nötige Frische, um sich durchzusetzen.

Dass sich in den kommenden Europapokal-Saisonen dieses Kunststück in Bleu-Blanc-Rouge wiederholt, darf aber fast ausgeschlossen werden. Zum einen hat die zweite Kraft Lyon auf nationalem Wege das internationale Geschäft verpasst und wird wohl finanziell kleinere Brötchen backen müssen. Zum anderen könnte sich Corona noch als eine Art Pyrrhussieg entpuppen: Zwei Klubs wurden zwar europäisch weit nach oben gebracht, die enormen Einnahmenverluste der Liga durch den Saisonabbruch werden aber nicht ohne Auswirkungen bleiben - 400 Millionen Euro, davon die Hälfte an ausgebliebenen TV-Mitteln, haben sich gewaschen. Auch der Start der neuen Saison wird von der Pandemie überschattet: Das für Freitag geplante Eröffnungsspiel zwischen Marseille und Saint-Etienne musste wegen mehrerer Corona-Fälle bei Olympique verschoben werden. Ob es bei den geplanten bis zu 5000 Zuschauern bleibt, ist somit auch ungewiss - jedenfalls wäre eine solche Kulisse nur ein Tropfen auf den heißen Stein für die angespannten Klubfinanzen.

PSG national konkurrenzlos

Ob das auch bei Liga-Krösus Paris so ist, das nun endlich das Champions-League-Finale erreicht hat - der Titel war ja seit der Übernahme durch die katarischen Scheichs anno 2011 das erklärte Ziel -, bleibt offen. PSG krankt auch daran, dass die dauerhafte nationale Konkurrenz nicht gegeben ist. Der AS Monaco hatte es mit russischem Investor versucht und sich 2017 mit Kylian Mbappe sogar zum Interims-Titelträger gekürt (inklusive Champions-League-Halbfinale) - zwei Saisonen später entging man nur knapp dem Abstieg und grundelt nunmehr im Mittelfeld herum.

All das tangiert den Finalisten der Seine-Metropole aber (noch) nicht: Man ist voll fokussiert auf das große Endspiel am Sonntag im Estadio da Luz: "Wir haben heute Geschichte geschrieben, aber dabei wollen wir es nicht belassen, wir wollen mehr", meinte Superstar Neymar nach dem Sieg über die Sachsen. Für Frankreichs Klubfußball wäre der Titel in der Tat beinahe historisch.