Die mit Wasser gepanschte Milch war’s. Es war jener Moment, als Romelu Lukaku von der Schule nach Hause kam und beobachtete, wie seine Mutter die Milch - neben einem Stück Brot das normale Mittagessen für die Familie - mit Wasser versetzte; jener Moment, in dem der damals Sechsjährige erkannte, dass irgendetwas nicht stimmte. "Da wusste ich: Wir waren pleite. Wir waren nicht nur arm, wir waren pleite", sollte Lukaku Jahre später in einem viel beachteten Beitrag für "The Players' Tribune" schreiben.

Doch es war auch jener Moment, in dem es im Kopf des jungen Burschen Klick machte. "Ich wusste genau, was zu tun sei. Was ich tun würde. Zuerst behielt ich es für mich, aber als ich wieder einmal nach Hause kam und meine Mutter weinte, habe ich es ihr gesagt. Ich habe gesagt: Die Dinge werden sich ändern. Es wird passieren. Ich werde Profifußballer bei Anderlecht." Später gab Lukaku auch seinem Großvater im Kongo das Versprechen: Er würde sich um die Familie kümmern, bald müsse die Milch nicht mehr mit Wasser gestreckt werden, um den Bauch irgendwie voll zu bekommen.


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Lukakus Beitrag auf "The Players' Tribune"
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Lukaku hat Wort gehalten. Mittlerweile ist er 27 Jahre alt, einer der besten Spieler Belgiens und einer der meistbeachteten Stürmer Europas. Während Lionel Messi und Cristiano Ronaldo, die in den vergangenen Jahren alles in den Schatten stellten, noch am vorzeitigen Ausscheiden ihrer Mannschaften Barcelona und Juventus knabbern, steht Lukaku mit Inter vor einem weiteren Karrierehöhepunkt: dem Europa-League-Finale in Köln, in dem es am Freitag gegen den FC Sevilla (21 Uhr/Puls4, RTL, Dazn) geht.

"Ich war wütend wegen so vieler Dinge. Wegen der Ratten in unserer Wohnung. Weil ich keinen Fußball schauen konnte. Wegen der Art, wie die anderen mich angeschaut haben."

Romelu Lukaku über seine Kindheit

Die Andalusier sind zwar Rekordtitelträger in Europas zweitwichtigstem Fußballbewerb, die überzeugenderen Leistungen haben aber zuletzt Lukaku, Lautaro Martinez und Co. geboten. Und wenn Inter-Coach Antonio Conte vor der Final-Erfahrung Sevillas warnt, gleichzeitig sagt, "viele von uns bestreiten zum ersten Mal so ein Spiel", trifft das auf seinen Topstürmer nicht ganz zu. Denn für Lukaku war schon in seiner Jugend jedes Juxkickerl, das er mit zerrissenen Schuhen in der Schulpause oder auf der Straße spielte, "ein Finale". "Ich habe mit so einer Wut im Bauch gespielt - wegen so vieler Dinge: Wegen der Ratten in unserer Wohnung, deswegen, weil ich nicht die Champions League im TV schauen konnte (nach dem Wasser kam das Abschalten des Kabel-TV; Anm.), wegen der Art, wie mich die Eltern der anderen Kinder angeschaut haben. Ich wollte zerstören."

Als Kind war Lukaku, in Belgien geboren, nicht nur bitterer Armut, sondern wegen seiner kongolesischen Wurzeln und seiner Hautfarbe auch Rassismus ausgesetzt. Auch später, als er sich bei seinen Stationen in England nicht immer durchsetzte, hatte er mit Ressentiments, Spott und Hohn zu kämpfen. Heute ist er eine wesentliche Stütze nicht nur Inters, sondern auch des belgischen Nationalteams, das sich gerne als Multi-Kulti-Mannschaft verkauft, dabei aber immer wieder, symbolisch für das Land selbst, innere Risse erkennen lässt.

Als Teil der goldenen Generation Belgiens erreichte Lukaku (l.) das WM-Halbfinale 2018. - © APAweb / afp, Olga Maltseva
Als Teil der goldenen Generation Belgiens erreichte Lukaku (l.) das WM-Halbfinale 2018. - © APAweb / afp, Olga Maltseva

Lukakus zerstörerische Kraft auf dem Platz aber ist geblieben, ein ums andere Mal wieder müssen sie seine Gegner anerkennen. In der laufenden Europa League hat er in fünf Spielen sechs Mal getroffen, davor waren es in der Gruppenphase der Champions League, aus der die Mailänder als Dritte ausschieden, in fünf Spielen fünf Tore. Insgesamt hält jener Mann, der erst im vergangenen Sommer für rund 74 Millionen Euro von Manchester United gekommen ist, in seiner Premierensaison für Inter bei 33 Toren. Nur ein gewisser Ronaldo - der aus Brasilien - hat 1997/98 um eines mehr erzielt. Im Finale am Freitag hat Lukaku die Chance, die Bestmarke seines einstigen Idols - das WM-Finale 2002, in dem Ronaldo Brasilien mit einem Doppelpack zum 2:0-Sieg über Deutschland schoss, war eines der wenigen Spiele, die er in seiner Jugend live sehen konnte - zu egalisieren oder gar zu überbieten.

Die Chancen dafür sind trotz der Erfahrung Sevillas da. Denn für die Gegner ist es schwer, sich auf Lukaku einzustellen. Von seiner bulligen Statur sollte man sich nicht täuschen lassen, die feine Klinge mit Schnelligkeit, Übersicht und Ballsicherheit beherrscht er ebenso wie die Dampfwalzen-Methodik.

Für nicht wenige ist daher er, nicht Messi oder Ronaldo - der Portugiese - der aktuell beste Stürmer Europas. Mit einem Marktwert von 68 Millionen Euro hat er Letzteren schon überholt, von der Mehr-als-hundert-Millionen-Messi-Sphäre ist er freilich noch etwas entfernt. In der Liga mussten sich Inter und Lukaku zwar Ronaldos Juventus als Zweite geschlagen geben, ein europäisches Finale ist er den beiden Topstars in diesem Jahr aber schon einmal voraus. Und es könnte am Freitag noch mehr werden.

"Ich erinnere mich immer daran, als wir im Dunklen gesessen sind und ich geglaubt, gedacht, nein, gewusst habe: Es wird passieren."

Romelu Lukaku über seine mentale Stärke

Nervenflattern vor dem Finale gibt es für ihn jedenfalls nicht. "Alle im Fußball reden immer von mentaler Stärke. Ich bin der stärkste Typ, den man treffen kann", schrieb er in jenem "Players’ Tribune"-Beitrag. Veröffentlicht wurde dieser während der WM 2018, als die schon lange als Geheimtipp gehandelte goldene Generation Belgiens mit dem Halbfinaleinzug trotz der Niederlage gegen den späteren Weltmeister Frankreich endlich ihrem Ruf gerecht wurde - und Lukaku und Co. von den Spannungen im Land ablenkten und die divergierenden Kräfte hinter sich vereinten.

Freilich: Lange halten solche Phasen für gewöhnlich nicht an. Für Lukaku gelten seine Worte von damals aber auch heute noch. "Ich erinnere mich immer daran, als ich mit meiner Mutter und meinem Bruder ohne Strom im Dunklen gesessen bin, als wir unsere Gebete aufgesagt haben und ich immer gedacht, geglaubt, nein, gewusst habe: Es wird passieren." Was auch immer am Freitag auf dem Kölner Rasen tatsächlich geschehen wird - sein Versprechen hat der Ausnahmestürmer gehalten: Für die Familie fließt mittlerweile nicht mehr Milch mit Wasser, sondern Milch mit Honig.