Deutscher gegen französischer Serienmeister, 928,55-Millionen-Euro-Kader gegen 400-Millionen-Euro-Sturm, starkes Kollektiv gegen begnadete Kicker-Künstler: Das Champions-League-Finale am Sonntagabend (21 Uhr/ZDF, Dazn, Sky) in Lissabon zwischen dem FC Bayern München und Paris Saint-Germain steht im Spannungsfeld dieser Parameter. Und könnte darob - zumindest nach der Papierform - zu einem Offensivspektakel werden. Die Münchner haben in der diesjährigen Königsklassen-Saison alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt und den rekordverdächtigen Score von 42:8 Toren verzeichnet, darunter ein 8:2 über Barcelona und ein 7:2 über Vorjahresfinalist Tottenham. Auch die Pariser ließen sich nicht lumpen, kassierten nur eine Niederlage (1:2 im Achtelfinale in Dortmund) und trafen auf dem Weg in ihr erstes Champions-League-Finale 25 Mal ins Gehäuse der Gegner.

Der fünffache Gewinner der höchsten europäischen Klubtrophäe geht dabei als leichter Favorit ins Endspiel, zumal das von Bayern-Trainer Hansi Flick geformte Kollektiv aus erfahrenen und Final-erprobten Kickern sowie Titel-hungrigen Jungspunden - bis auf einige Aussetzer im Halbfinale gegen Lyon - regelrecht ins Finale getänzelt ist. Genau diese blitzschnellen Umschaltmomente, die sich aufgrund der extrem hoch stehenden Abwehr des deutschen Meisters für Lyon ergeben haben, könnten aber der Knackpunkt des zweifelsohne wichtigsten Fußballmatches des Jahres werden. Denn dass der teuerste Sturm der Welt - Neymar und Kylian Mbappe kosteten den von katarischen Scheichs finanzierten Klub zusammen mehr als 400 Millionen Euro an Ablösesummen - so leichtfertig wie Lyon mit den sich bietenden Chancen umgeht, darf bezweifelt werden. (Hinzu kommt noch der Argentinier Angel di Maria, der zuletzt stark ansteigende Form bewiesen hat).

. . . oder doch die PSG-Superstars Neymar und Mbappe (v. l.)? - © reuters/Ramos
. . . oder doch die PSG-Superstars Neymar und Mbappe (v. l.)? - © reuters/Ramos

Sprintduell Mbappe vs Davies

Dass die beiden Top-Angreifer vor der Geisterkulisse im Estadio da Luz ob der Finalpremiere für PSG Nervenflattern bekommen könnten, darf ebenso ausgeschlossen werden, zumal der eine (Neymar) schon 2015 mit Barcelona den Henkelpokal stemmen durfte, während sich der andere (Mbappe) bekanntlich Weltmeister nennen lassen darf, 2018 im zarten Alter von 19 Lenzen.

Genauso alt ist aktuell sein direktes Defensiv-Gegenüber bei den Bayern - Alphonso Davies - der als die Entdeckung der Saison nun im Finale seine Feuertaufe erlebt. Er ist wohl der Einzige im Bayern-Kader, der es mit dem Speed des Franzosen aufnehmen kann, wurden bei ihm zuletzt sagenhafte 36,51 km/h gemessen - der Rekordwert der deutschen Bundesliga. Mbappe indes soll (inoffiziell) bereits 38 km/h schnell gesprintet sein, wohlgemerkt beide mit dem Ball.

Dann gilt es freilich auch noch, die bayrische Innenverteidigung mit ÖFB-Teamakteur David Alaba und dem zuletzt angeschlagenen Jerome Boateng zu überwinden, ehe mit Goalie Manuel Neuer (Weltmeister und Champions-League-Sieger) zu guter Letzt noch eine erfahrene Größe wartet.

Demgegenüber steht die PSG-Defensive, die durchaus als Achillesferse des neunfachen französischen Meisters bezeichnet werden darf: Kapitän Thiago Silva geht 35-jährig in sein letztes Spiel als Pariser Abwehrchef. Ob ausgerechnet er und seine Kollegen - unter anderem der bei den Bayern ausgemusterte Juan Bernat - den Offensivwirbel der Münchner aufhalten können, verneinen doch eine erkleckliche Zahl an Fußballexperten. Zumindest dann, wenn Robert Lewandowski (der trotz vieler vergebener Sitzer im Finalturnier heuer im Bewerb schon 15 Mal getroffen hat), Thomas Müller, Serge Gbnabry und Co. in Normalform agieren.

Trainerduell Tuchel vs Flick

Aber was ist schon normal an dieser Fußballsaison, in der Corona doch so vieles auf den Kopf gestellt hat? Wer hätte vor kurzem noch gedacht, dass Interimscoach Flick aus einem kriselnden Bayern-Haufen eine Elf mit Legenden-Potential formen würde? Oder dass der ewige Ablösekandidat am heißen PSG-Trainerstuhl, Thomas Tuchel, das schon international abgeschriebene Starensemble dank seines taktischen Korsetts doch noch in die Nähe des Champions-League-Traumes befördern würde? Nun ist für die beiden deutschen Trainer der Klub-Olymp möglich. "Wir wissen, dass Paris sehr schnelle Spieler hat Wir wissen aber auch, dass es unsere größte Stärke ist, den Gegner unter Druck zu setzen", sagte Flick. Tuchel wiederum setzt ganz auf die Magie des Spiels: "Wir haben die Mentalität einer kleinen Mannschaft, sind aber keine. Uns könnte man oft vorwerfen, wir würden das über unsere Einzelqualität tun. Aber dem ist nicht so", meinte der Deutsche.