Der deutsche Fußballverband rühmt sich gerne seiner großen Verdienste, auf und abseits des Platzes. Er ist mit rund sieben Millionen Mitgliedern in 25.000 Vereinen weltweit der größte Sportverband, mit vier WM- und drei EM-Titeln einer der erfolgreichsten - und: einer der wirtschaftlich solidesten. Hat man zumindest gedacht. Auch der kürzlich veröffentlichte Geschäftsbericht von 2019 lässt trotz Corona-Krise mit einem Ergebnis von 19,5 Millionen sowie einem Eigenkapital von 169,5 Millionen einigermaßen entspannt in die Zukunft blicken; bei dieser und jeder anderen Gelegenheit betont man auch gerne die Gemeinnützigkeit und die Steuerzahlungen.

Rund 19 Millionen Euro wurden an die Landesverbände zur Stärkung der Basis verteilt, rund 18 investierte man zusätzlich in die Talenteförderung. Und 26 Millionen Euro flossen ans Finanzamt. Doch seit geraumer Zeit wird das Saubermann-Image, das man trotz der engen Verbindungen zum einschlägig beleumundeten Adidas-Gründer Adi Dassler jahrzehntelang so liebevoll gehegt und gepflegt hat, regelmäßig erschüttert.


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DFB-Geschäftsbericht 2019
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Ausgerechnet das Sommermärchen von 2006, als Deutschland die WM ausrichtete und die Nationalmannschaft auch Kritiker kurzfristig versöhnte, hat den Anfang gemacht. Nun stehen neuerlich schwere Vorwürfe im Raum: Einnahmen aus der Bandenwerbung bei den Heim-Länderspielen in den Jahren 2014 und 2015 sollen nicht rechtmäßig versteuert, der Fiskus so um 4,7 Millionen Euro betrogen worden sein.

Sechs Verdächtige, Razzien

Am Mittwoch statteten daher Staatsanwaltschaft und Polizei der Zentrale in Frankfurt/Main mit einer Razzia einen Überraschungsbesuch ab, Durchsuchungen gab es auch in den Privaträumlichkeiten mehrerer Verantwortlicher in Hessen, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz. "Die wegen des Verdachts der fremdnützigen Hinterziehung von Körperschafts- und Gewerbesteuern in besonders schweren Fällen geführten Ermittlungen richten sich gegen sechs ehemalige beziehungsweise gegenwärtige Verantwortliche des DFB", teilte die Staatsanwaltschaft mit, ohne Namen zu nennen.

Fest steht aber, dass sowohl die Vermarktungsagentur Infront, von der sich der DFB aufgrund anderer Vorwürfe kürzlich getrennt hat, als auch Ex-Präsident Wolfgang Niersbach zunächst in den Fokus geraten. Beide erklärten aber am Mittwoch, dass man mit der Sache nichts zu tun habe, bei Niersbach habe es laut dessen Angaben auch keine Durchsuchung gegeben.

Niersbach war einer der Angeklagten im "Sommermärchen-Prozess", bei dem es ebenfalls um Steuerhinterziehung gehen sollte. Er war zwar 2016 zurückgetreten, hatte aber stets seine Unschuld beteuert. Geklärt wurden die Vorwürfe nie, der Prozess endete im April ergebnislos, weil die Verjährungsfrist ausgerechnet in die Corona-bedingte Gerichtspause fiel. Nun versprach DFB-Chef Fritz Keller seinerseits, was man in so einer Situation eben verspricht: dass man an voller Aufklärung mitwirken wolle. Das Bild, das der mächtige DFB aber abgibt, ist freilich verheerend - und der einstige Saubermann-Verband zum Sorgenkind mutiert.