Über keinen Fußballer existieren derart viele Anekdoten, ranken sich so viele Legenden wie um Pelé. Als der brasilianische Stürmer beispielsweise im Oktober 1982 von US-Präsident Ronald Reagan im Weißen Haus empfangen wurde, soll dieser zur Begrüßung gesagt haben: "Ich heiße Ronald Reagan, ich bin der Präsident der Vereinigten Staaten, aber Sie müssen sich nicht vorstellen, weil jeder weiß, wer Pelé ist." Wenig später sollte der Präsident, ganz Schauspieler, seinen Schmäh vor einer Abordnung Nachwuchskicker im Garten des Hauses wiederholen - und stolz feststellen: "Ich glaube nicht, dass es je einen Fußballer in der Geschichte des Spiels gegeben hat, der weltweit solche Leistungen erbracht hat." Als Reagan diese Worte sprach, war Pelé längst nicht mehr als Fußballer aktiv. 1977 hatte er seine Karriere im Alter von 36 Jahren als Kicker bei den New York Cosmos, die ihn zwei Jahre zuvor vom FC Santos um viel Geld nach Amerika gelotst hatten, beendet. Am Freitag feiert der "Fußballer des Jahrhunderts" seinen 80. Geburtstag.

Edson Arantes do Nascimento, wie Pelé laut Geburtsurkunde heißt, wurde am 23. Oktober 1940 in Tres Coracoes im Bundesstaat Minas Gerais in Brasilien geboren. Während sein Geburtsname noch mit der Verehrung seiner Eltern für den US-amerikanischen Erfinder Thomas Alva Edison erklärt werden kann - was übrigens nicht ungewöhnlich ist, wurde doch beispielsweise auch Cristiano Ronaldo nach Ronald Reagan benannt -, so ist dies mit Blick auf den Beinamen Pelé etwas schwieriger. Der Fußballer selbst behauptet in einer Autobiographie, als Bub für den Goalie von Vasco Sao Laurenco, genannt Bile beziehungsweise Pile, geschwärmt und so zu seinem Spitz- und Markennamen gekommen zu sein. Entdeckt und gefördert wurde Pelé jedenfalls bereits als Elfjähriger vom Scout des Bauru AC in Sao Paulo, Waldemar de Brito, der ihn in die Jugendmannschaft des Vereins aufnahm. Zum ersten Mal in seinem Leben spielte Pelé mit Fußballschuhen auf einem echten Rasen und machte sich bald einen Namen.

Zwei Jugend-Meisterschaftstitel genügten De Brito, um beim FC Santos, dem damals amtierenden Staatsmeister Sao Paulos, anzuklopfen. "Dieser Bursch könnte einmal der beste Fußballer der Welt werden", sagte er zu Santos-Trainer Lula, und ein Testspiel später stand sein Schützling auch bereits unter Vertrag. Pelé schmiss die Schule und verließ das Armenviertel seiner Stadt. Am 7. September 1956 erzielte er für seinen neuen Klub das erste Tor - von insgesamt 643 in seiner 19-jährigen Karriere bei Santos. Bereits in seiner ersten Saison wurde er - 16-jährig - Torschützenkönig (36 Tore in 29 Partien), als Pelé 1958 mit der Nationalmannschaft in Schweden auch noch den WM-Titel holte, löste dies bei Presse und Zuschauern bisher ungekannte Begeisterungsstürme aus. Der Stürmer wurde als "Perola Negra" (Schwarze Perle) und "O Rei" (Der König) gefeiert und verehrt.

Seinem Team FC Santos blieb Pelé bis zu seinem Wechsel in die lukrative Vorpension bei den New York Cosmos 1975 dennoch treu und sollte nie für einen anderen Verein kicken. Und das, obwohl große europäische Klubs wie Real Madrid, Juventus Turin oder Inter Mailand horrende Summen boten. Wobei, so ganz freiwillig war diese Treue zu Santos auch wieder nicht: Um den Star im Land zu halten, hatte ihn die brasilianische Staatsführung einfach zum "nationalen Gut" erklärt und jeden Transfer untersagt. Immerhin: Pelé wurde die "Beförderung ins Staatseigentum" mit einer ansehnlichen Gage, die sogar weit über dem Einkommen des Präsidenten der Republik lag, versüßt.

Die goldenen 1960er Jahre

Pelé begeisterte nicht nur mit seiner unglaublichen Geschichte vom armen Buben zum Millionär, sondern vor allem mit seiner Ballkunst. Es war dies die Zeit von "Super Santos", als die Mannschaft aus Sao Paulo zum besten Verein Südamerikas aufstieg. Ihr Spiel zeichnete sich durch geradliniges Kurzpassspiel, eleganten Kombinationen sowie nie vorherzusehenden technischen Finten und Finessen aus, viele Gegner wurden regelrecht deklassiert, Kantersiege waren keine Seltenheit. Teilweise überforderte Gegenspieler wussten sich häufig nur mit rüder, überharter Spielweise oder verbalen Angriffen zu wehren. Zu Beginn der 1960er Jahre gewann Santos rund 85 Prozent ihrer Spiele, was ihr den Ehrentitel "Ballet blanco" (weißes Ballett) einbrachte. Den Zenit dieser Mannschaft markierten die Jahre 1962 und 1963. 1962 war mit fünf Titeln das bisher erfolgreichste Jahr der Klubgeschichte. Als Pelé am 19. November 1969 gegen den Klub Vasco da Gama sein 1.000. Tor erzielte, gab es für tausende Fans, Fotografen und Journalisten kein Halten mehr - und stürmten auf den Rasen des Estadio de Maracana in Rio, um das Ereignis ("O Milesimo") zu feiern. Zudem läuteten landesweit die Kirchenglocken.

Aber auch international erfuhr die Erfolgsgeschichte Pelé noch eine Steigerung. Auf den WM-Titel von 1958, wo er beim 5:2-Sieg im Finale gegen Schweden zwei Tore beigesteuert hatte, folgten zwei weitere: Während Pelé in Chile 1962 verletzungsbedingt früh ausschied, geriet das WM-Finale von 1970 gegen Italien in Mexiko zur Machtdemonstration der Brasilianer. Die Squadra Azzurra wurde mit 1:4 regelrecht überrollt, wobei Pelé mit einem Kopfballtor der wichtige Führungstreffer gelungen war. Mit diesem Titel neigte sich die Karriere des Ausnahmespielers ihrem Ende zu, am 18. Juli 1971 streifte sich Pelé gegen Jugoslawien (2:2) letztmals das gelbe Nationaltrikot über und wurde von 180.000 Fans im Maracana-Stadion verabschiedet. Mit 77 Treffern bei insgesamt 92 Spielen ist er bis heute Rekordtorschütze Brasiliens.

Lebensabend im Rollstuhl

Zuletzt ist es auch aus gesundheitlichen Gründen ruhiger um "O Rei" geworden. In der Corona-Pandemie ist Pelé zu Hause in Guaruja im Bundesstaat Sao Paulo geblieben, um eine Ansteckung zu vermeiden. Eine Feier wie etwa 50 Jahre nach seinem 1.000. Tor im eigenen "Museu Pelé" in Santos 2019 war daher nicht geplant. Privat hat Pelé sieben Kinder - darunter einige uneheliche. Zweimal ging eine Ehe in Brüche, 2016 heiratete er mit 75 zum dritten Mal. Gesundheitlich ist der 80-Jährige angeschlagen, sitzt im Rollstuhl, zudem soll er dem Vernehmen nach unter Depressionen leiden. Pele nimmt dies dennoch gelassen. In einem Interview mit der Tageszeitung "Folha de S. Paulo" meinte er einmal, Gott habe die Rechnung für seine Jahre als Athlet geschickt.

In die Sportgeschichte wird Pelé so oder so eingehen. Als "Fußballer des Jahrhunderts" und als einziger Profi, der drei Weltmeisterschaften gewonnen sowie 1.283 Karriere-Tore erzielt hat. Fortleben wird auch so manche Legende - ob wahr oder nicht. Dazu zählt gewiss auch die Geschichte, wonach der Auftritt von Pelé bei einem Gastspiel des FC Santos 1967 in Nigeria dazu geführt habe, dass der örtliche Bürgerkrieg für 48 Stunden unterbrochen wurde, um den verfeindeten Kriegsteilnehmern die Gelegenheit für einen gemeinsamen Stadionbesuch zu geben. Wenn diese Story schon nicht wahr ist, so ist sie zumindest gut erfunden - fast zu gut.