Zugegeben, es gibt umgänglichere Gegner als den großen FC Bayern. Und trotzdem will Österreichs amtierender Meister Red Bull Salzburg diese ultimative Härteprobe im Champions-League-Heimspiel am Dienstag (21 Uhr/Sky) ganz ohne Angst in Angriff nehmen. Oder zumindest den Eindruck erwecken. Trainer Jesse Marsch bemühte sich jedenfalls redlich, sprach von einer "finalen Prüfung" für sein Team, stellte aber auch klar, dass man es mit dem deutschen Rekordmeister, also "der besten Mannschaft der Welt", zu tun bekomme. "Sie haben keine Schwäche", erklärte der Coach respektvoll - aber: "Wir kommen mit unserer Stärke."

Nachdem jedes Match auch immer eine Konfrontation der Trainer und ihrer Strategie ist, hatte Marsch die Zeit genutzt, um sein Gegenüber auf der Bank, Bayern-Coach Hansi Flick, näher zu beäugen. Seine Beobachtung übersetzte Marsch mit den Worten: "Hansi Flick hat einen unglaublich guten Job gemacht. Vom ersten Tag an hat er einen intensiveren Fußball probiert und das gemeinsame Gefühl der Truppe so stark gemacht. Mit diesen zwei Dingen sind ihre Qualität und die Möglichkeiten so groß." Aus diesem Grund habe er auch viel mit seiner Mannschaft über die Entwicklung der Bayern im vergangenen Jahr gesprochen. Aber das war es dann auch schon wieder mit dem Lob: "Jetzt ist es eine Chance, auch unsere Entwicklung zu zeigen - gegen den besten Gegner", betonte Marsch. Und: "Wir sind sehr begeistert, die Bayern hier zu haben. Das ist eine Mannschaft, die nicht so weit von Salzburg weg ist."

Defätismus klingt anders. Und das, obwohl die national unterforderten Salzburger die ersten beiden Aufgaben dieser Saison, Lok Moskau (2:2) und Atletico Madrid (2:3), dem Ergebnis nach nicht bestanden haben. Und die kommende Runde wird noch kniffliger, ein Lackmustest, wenn man so will, der die Red-Bull-DNA aber nicht verändern dürfte. "Wir werden unseren starken Fußball spielen, mutig und aggressiv", kündigte Marsch an. "Wenn wir das schaffen, haben wir immer eine Chance, egal gegen wen."

Lob für RB, Abfuhr für Alaba

Das sieht man offenbar auch im Bayern-Lager so. Coach Flick gab das Lob jedenfalls nach Salzburg retour. "Salzburg macht es über Jahre hinweg hervorragend. Man hat sehr junge, talentierte Spieler und eine Spielidee, die sehr modern, sehr aggressiv den Gegner unter Druck setzend ist, aber mit dem Ball versucht, den direkten Weg zum Tor zu finden. Es sind viele Dinge, die ich auch mag", erklärte Flick. "Wir müssen uns auf Ballbesitz einstellen und die Fehler minimieren, das wird gerade gegen Salzburg wichtig sein."

Mit den Bayern reist jedenfalls geballte Offensivpower an. Angeführt von Tormaschine Robert Lewandowski erzielten die Münchner in dieser Saison durchschnittlich 3,5 Tore. Besonders Lewandowski wird von vielen als derzeit bester Stürmer der Welt gesehen, nach zehn Toren in fünf Ligaspielen und jüngster Schonung hat er sein erstes Champions-League-Tor in dieser Saison im Visier. "Die Pause hat ihm gutgetan", so Flick.

Im medialen Fokus standen am Montag allerdings zwei Verteidiger. Zum einen Niklas Süle, der nach einem positiven Corona-Test fehlen wird, und sein Partner in der Innenverteidigung, David Alaba. Just vor dem Gastspiel in seiner Heimat zogen die Bayern das gestellte Angebot zur Vertragsverlängerung zurück und kündigten an, sich intensiver der Nachfolge-Suche widmen zu wollen, wie Präsident Herbert Hainer am Montag sagte. Alaba selbst will die Kunde wieder einmal "aus den Nachrichten erfahren" haben. "Wie es weitergeht, wird sich zeigen. Ich habe mir in der kurzen Zeit jetzt nicht Gedanken machen können, wie es weitergeht", meinte er im Vorfeld der Münchner vor dem Auswärtsspiel bei Salzburg. "Mein erster Ansprechpartner war immer der FC Bayern München. Deshalb habe ich mir sonst keine Gedanken gemacht."

"Summen nicht wahr"

Für Alaba ist das freilich unangenehm. Ein ablösefreier Abgang in München steht ebenso im Raum wie eine Gagendebatte. Schließlich verhandelt der Triple-Gewinner mit dem ÖFB-Teamspieler und dessen Beratern schon sei Monaten. Die Bayern sollen zuletzt einen Fünfjahresvertrag mit elf Millionen Euro Fixum plus Bonuszahlungen geboten haben. Dass solche Zahlen "nicht intern" bleiben, sondern medial die Runde machen, stört Alaba massiv. "Ich kann jedem einzelnen Fan versichern, dass die Summen, die in den Raum gestellt werden, nicht der Wahrheit entsprechen", betonte der 28-Jährige. Immerhin, ganz zu ist die Tür noch nicht, wie Präsident Hainer betonte. "Der David ist ja noch acht Monate bei uns unter Vertrag, und wir schätzen ihn unheimlich." Für Alaba gilt es nun, die Chose für das Spiel am Dienstag mental zu kübeln, zumal eine schlechte Leistung in Salzburg die Situation nur verschlimmern könnte.

Eine gute Leistung wollen und müssen dagegen Lok Moskau und Atletico im Parallelspiel der Gruppe A am Dienstag zeigen. Wobei für die Salzburger vor allem die Performance der Russen relevant sein wird. Gewinnt Moskau, wird der angepeilte Aufstieg nicht einfacher. Bayern wird so nicht die letzte Härteprobe bleiben.(rel)