Wenn der LASK am Donnerstagabend (21Uhr/Puls 4) im dritten Europa-League-Gruppenspiel bei Royal Antwerpen antritt, brauchen sich die Linzer wohl kaum Sorgen über das regelkonforme Ausmaß der beiden Tore zu machen. Denn dass sich eines der kuriosesten Kapitel rot-weiß-roter Europacuphistorie just fast auf den Tag genau 28 Jahre später neuerlich im Antwerpener Bosuil-Stadion wiederholen könnte, ist nahezu ausgeschlossen. Wobei: Wer hätte am 4. November 1992 gedacht, dass die Admira im Pokalsiegerwettbewerb nach einem 2:4 im Hinspiel und 0:2-Pausenrückstand die Belgier noch in die Verlängerung zwingen könnte - und das mit einem Mann weniger? Um dann anschließend draufzukommen, dass die Tore sechs beziehungsweise vier Zentimeter zu niedrig gewesen waren? Wohl niemand. In Anlehnung an den berühmten Spruch von Marcel Reif zum Torfall von Bernabeu ("Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gutgetan"), könnte man zur Groteske von Bosuil folgerichtig sagen: "Es fehlten nur Zentimeter auf ein (richtiges) Tor."

Tatsächlich ist die Geschichte rund um das Zweitrundenduell im damaligen Pokalsiegerbewerb zwischen der Admira und Antwerpen rasch erzählt - zumal zwar viel diskutiert wurde, aber am Ende nichts dabei herauskam. Außer dem Europacup-Aus der Südstädter. Die sich - angetrieben von den Stützen Wolfgang Knaller, Peter Artner und Roger Ljung - einen unfassbar beherzten Kampf geliefert hatten. Denn im Grunde konnten die Belgier, die später sogar bis ins Finale durchmarschierten und erst dort Parma unterlagen, schon zur Pause ein Hakerl unter den Aufstieg setzen. Vier Tore im Gesamtscore voran, dazu der erfolgte Ausschluss von Admira-Goalgetter Olaf Marschall - was sollte da noch passieren? Und doch, es passierte eine Menge: "Dann wuchsen die grauen Mäuse über sich hinaus und wurden in der Hölle von Deuren zu Löwen, welche die Belgier das Fürchten lehrten. Die 6.000 Zuschauer trauten ihren Augen nicht, als die dezimierten Gäste bei ihren gefährlichen Kontern Tor um Tor aufholten, und bedachten ihre Equipe, die sich offenbar bereits zu sicher gefühlt hatte, mit Pfiffen und Buhrufen", notierte etwa die APA in ihrem Matchbericht. Die Treffer von Gerald Bacher (46.), Johannes Abfalterer (59.) sowie ein Doppelpack von Ljung (64./78.). beförderte die Elf von Sigi Held urplötzlich in die Verlängerung. Wo dann allerdings die Kräfte zum großen Fußballwunder nicht mehr reichten: Der 31-fache belgische Teamstürmer Alex Czerniatynski sorgte in Minute 97 für den Todesstoß zum 3:4-Endstand.

Doch mit dem Schlusspfiff war diese legendäre Europacupschlacht noch nicht beendet. Schon während der Übertragung durften sich TV-Zuschauer über die antiquierten Tore wundern - waren doch Stangen wie Latten nicht rund, sondern wie in der Urzeit des Fußballs eckig. Doch da lag der Hund nicht begraben - denn auch heute gilt laut Fifa-Reglement, dass Torpfosten und Querlatten "quadratisch, rechteckig, rund oder elliptisch" sein können. Was die Größe der Gehäuse betrifft, gibt es logischerweise aber keinen Spielraum (und anders als bei der Spielfeldgröße auch keinen Toleranzbereich): Von Wembley bis Camp Nou, von Gramatneusiedl bis Hintertupfing gilt eine Breite von exakt 7,32 und eine Höhe von 2,44 Metern. Nur halt damals im Bosuil-Stadion nicht. Denn nach dem sportlichen Aus nahmen die Admira-Funktionäre Maß und stellten die genannten Tor-Abweichungen fest, um sie sogleich dem Uefa-Delegierten, der offenbar vorher nicht so genau hingesehen hatte, unter die Nase zu reiben. Dessen Messung dann übrigens jeweils geringere Abweichungen ergaben.

Protest hätte vor Anpfiff erfolgen müssen

Doch letztlich scheiterte der Protest der Admiraner, der vor allem ein Wiederholungsspiel und also eine zweite Chance zur Absicht hatte. Und zwar nicht am richtigen Maßband, sondern aus formalen Gründen - denn die Uefa behandelte den Fall deshalb nicht, weil "ein Protest gegen das Spielfeld vor Spielbeginn schriftlich eingebracht werden muss".

Weshalb der LASK also vielleicht doch Leiter und Zollstab im Gepäck haben sollte. Man weiß ja nie. Umso mehr, als ein solches Kuriosum auch 2020 nicht ganz abwegig ist, wie Gruppengegner Tottenham erst im September bei der Europa-League-Qualifikationspartie bei KF Shkëndija 79 aus Nordmazedonien erfahren musste. Spurs-Coach José Mourinho - gerade einmal 1,76 Meter groß - postete damals ein Bild, wie er mit ausgestrecktem Arm fast die Latte berührt. "Ich dachte, ich wäre gewachsen, aber das Tor war fünf Zentimeter zu niedrig", schrieb der Portugiese, der die Posse letztlich auch deshalb ganz entspannt sehen konnte, weil sein Team am Ende mit 3:1 gewann und später in Gruppe J gelost wurde. Noch mehr dürfte "The Special One" aber die 0:1-Niederlage seiner Spurs in der Vorwoche in Antwerpen gewundert haben - weshalb die Linzer Athletiker erst recht vor dem Tabellenführer gewarnt sein sollten. Und nicht nur vor den Antwerpener Toren.