Jeder, der schon einmal bewerbsmäßig Fußball gespielt hat, der weiß, dass es solche Matches einfach gibt. Ja, genau so etwas den Sport erst ausmacht. Wenn also eine notdürftig zusammengeschusterte Auswahl mit kaum Länderspielerfahrung und ohne echte Vorbereitung eine gut eingespielte und mit allen Stars versehene Mannschaft nicht nur an den Rand einer Niederlage bringt, sondern beinahe in eine Blamage von Färöer’schem Ausmaß stürzt. Ein Tor mehr durch diese B-Elf aus Leider-Nein- und Nicht-mehr-Team-Akteuren - und Norwegen würde statt Österreich 2022 in der Nations League A der 16 besten Teams Europas spielen. So gesehen übertrifft wohl nach dem 1:1 am Mittwochabend im Wiener Prater die Erleichterung einer vermiedenen Schmach die Freude über den geschafften Aufstieg bei weitem.

Zumal im Vorfeld viel Druck aufgebaut worden war - von einer Art "gmahder Wiesn" war die Rede, selbst unmittelbar vor Anpfiff wurde im TV noch über Kantersiege in Höhe von 4:0 und 3:0 orakelt. Doch schon in den ersten Minuten zeigte sich der Siegeswille, die Spielfreude und die taktische Disziplin der Norsker, die auch vorne rasch zum Abschluss kamen und sogar die besseren Chancen vorfanden. Mit dieser Underdog-Mentalität, die man - so kein schnelles Tor gelingt - erwarten musste, konnten die Österreicher nicht umgehen. "Es war sehr, sehr schwierig - viel Druck, viele schwierige Situationen, die man schnell hätte lösen sollen. Die Norweger bekommen dann, wenn ihnen etwas gelingt, riesiges Selbstvertrauen. Bei uns kommt von außen viel Druck auf. Das sind Sachen, die als Fußballer schwierig sind", berichtete etwa Wolfsburg-Legionär Xaver Schlager, der noch hinzufügte: "Das versteht nur jemand, der selber Fußball gespielt hat."

Faktum ist, dass die Truppe von Franco Foda neuerlich große Schwierigkeiten hatte, die dicht gestaffelte Abwehrketten eines defensiv eingestellten Gegners zu knacken. Auch, wenn vieles über die Außen probiert wurde, vor allem über Stefan Lainer und Reinhold Ranftl - damit war den körperlich robusten Skandinaviern wenig beizukommen. Insgesamt fehlten Tempo, Passgenauigkeit und vor allem die zündenden Ideen zum letzten Pass. Kam dieser einmal an, lag es meist an der Solospitze Marko Arnautovic, diese Halbchancen zu vergeben.

Keine Fans kein Nachteil

Hinzu gesellten sich ungewohnte Schleißigkeiten im Defensivverhalten, die den Norwegern erst den Glauben an die absolute Sensation ermöglichten. Und als es dann in der 61. Minute (nicht unverdient) im Gehäuse von Neo-Einser-Goalie Pavao Pervan einschlug (Torschütze Ghayas Zahid), musste man sich ernsthaft Sorgen um die Österreicher machen. Mit einem weiteren Tor der Norweger hätte es gleich zwei Treffer gebraucht, um doch noch den Gruppensieg zu fixieren. Nicht auszudenken, wenn an diesem verrückten Fußballabend für gewöhnlich 25.000 Fans im Ernst-Happel-Stadion gewesen wären und ein gellendes Pfeifkonzert auf die eigene Mannschaft angestimmt hätten.

So aber gelang es der Foda-Elf just nach diesem Gegentreffer, einen Zahn zuzulegen und den Gegner, bei dem auch die Kräfte schwanden, kein einziges Mal mehr gefährlich vors eigene Tor kommen zu lassen. Und am Ende jubelte der eingewechselte zweite Stürmer Adrian Grbic in der Nachspielzeit (94.) über den Ausgleich und sein viertes Teamtor im Herbst: das Ende eines kurzen und summa summarum sehr erfolgreichen Länderspieljahres für den ÖFB (sechs Siege bei je einem Remis und einer Pleite) - und also ein Ende ohne Schrecken.

Dennoch wartet in den kommenden Monaten auf Foda viel Arbeit: Denn in der mit Ende März beginnenden WM-Qualifikation (Auslosung am 7. Dezember) wird es auch wieder spielerisch limitierte, aber defensiv perfekt organisierte Gegner zu bespielen geben; und auch bei der EM wartet im ersten Gruppenspiel mit Nordmazedonien ein Kontrahent, der vollgepumpt mit Selbstvertrauen ist und hinten einmal die Reihen dichtmachen wird.

Hinzu kommt, dass vor allem Fodas Legionäre mangels Winterpause wohl schon am Zahnfleisch gehen werden - das habe man schon jetzt gegen Norwegen gemerkt: "Bei dem einen oder anderen hat man gespürt, dass die Frische fehlt. Da merkt man beim Spiel gegen den Ball oder in der Rückwärtsbewegung, ob die Spieler noch Dynamik haben oder nicht." Womit der Deutsche damit kokettiert, möglicherweise auch in Pflichtspielen mehr zu rotieren und somit notgedrungen seine Einsergarnitur ständig zu verändern. "Man kann nur hoffen, dass die Spieler alle gesund bleiben und diese intensiven Phasen gesund überstehen", sagte Foda.

Für die mangelnde Euphorie rund um sein heuer ergebnistechnisch so erfolgreiches Team hat er übrigens eine ganz simple Erklärung: "Eine Euphorie kann im Moment schwer entstehen, wenn keine Fans im Stadion sind."